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Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten

, Volume 75, Issue 1, pp 1–20 | Cite as

Über eine eigentümliche Form psychischer Entwicklungshemmung mit Beziehung zur Athetose oder zur frühkindlichen Motorik

  • August Bostroem
Article

Zusammenfassung

Es gibt Formen angeborener oder früh erworbener Defektzustände, bei denen die intellektuellen Leistungen nicht gröber gestört sind, bei denen aber eine affektive Eigenart die Verwertung der vorhandenen Urteilsfähigkeit erschwert oder unmöglich macht, so daß diese Leute praktisch zu den Schwachsinnigen gerechnet werden. Die hier beobachteten affektiven Störungen bestehen im wesentlichen in einer läppisch-heiteren Grundstimmung mit Neigung zu albernen Scherzen. Dadurch, daß die Kranken nichts ernst nehmen, kein Distanzgefühl kennen, daß sie infolgedessen oft frech wirken, geraten sie in soziale Schwierigkeiten, die durch ihre häufig eitle Selbstgefälligkeit noch vermehrt werden. Sie werden im praktischen Leben entweder für schwachsinnig, minderwertig oder gelegentlich auch für dummdreist gehalten. Bei den hier beobachteten Kranken dieser Gruppe finden sich gleichzeitig körperlich-neurologische Erscheinungen, die sich in Beziehung zur Athétose double (forme fruste) und auch zur kindlichen Motorik bringen lassen. Bemerkenswert ist dabei, daß auch das psychische Verhalten nicht nur dem kindlichen ähnlich ist, sondern auch eine Verwandtschaft mit dem vieler Athetotiker aufweist.

Ob man mehr die Beziehungen zur frühkindlichen Entwicklungsstufe oder die zur Athetose betont, ist wohl nicht von ausschlaggebender Bedeutung; auf alle Fälle wird man aber mit einer organischen Schädigung des Gehirns in frühester Jugend oder im pränatalen Leben zu rechnen haben (z. B. traumatische Geburtsschädigung). Durch eine solche Läsion sind motorische Mechanismen, aber auch affektive Eigentümlichkeiten einer früheren Entwicklungsstufe gewissermaßen konserviert und an der weiteren Ausbildung behindert. Solche Kranke werden wohl nur in seltenen Fällen und unter besonderen Umständen dem Kliniker zu Gesicht kommen. Es besteht daher die Möglichkeit, daß diese Fälle vielleicht häufiger sind als man annimmt.

Möglicherweise liegt bei solchen Kranken der athetotische Mechanismus, der ja sonst eine Eigenart des frühkindlichen Alters ist, auch später noch bereit, und vielleicht hat es sich bei den wenigen Fällen, bei denen man noch in vorgerücktem Lebensalter durch Hirnschädigungen eine echte Athetose neu entstehen sah, immer um Menschen mit einer derartigen, durch eine leichte Hirnschädigung im Kindesalter erworbene Disposition gehandelt.

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© Verlag von Julius Springer 1925

Authors and Affiliations

  • August Bostroem
    • 1
  1. 1.Psychiatrischen und Nervenklinik der Universität MünchenDeutschland

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