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Klinische Wochenschrift

, Volume 16, Issue 50, pp 1737–1740 | Cite as

Die Klinik der B1-Avitaminose

  • A. Schretzenmayr
Übersichten

Zusammenfassung

Der Zweck meiner Ausführungen soll sein, auf die scharf umrissene klinische Symptomatologie der B1-Avitaminose unter einem Gesichtspunkt hinzuweisen, der es dem Arzt im gemäßigten Klima ermöglichen soll, Vergleiche seiner verdächtigen Fälle anzustellen und dadurch das Problem der heimischen B1-Avitaminose einer Klärung näherzubringen.

Ganz allgemein dürfte die Wahrscheinlichkeit einer B1-Avitaminose speziell in Deutschland nicht sehr groß sein, da das „Brot des armen Mannes“ — hier im Osten der polierte Reis und fast ausschließlich dieser — in Deutschland das grobausgemahlene Brot mit seinem hohen B1-Gehalt darstellt, so daß wohl immer genügend B1-Reserven vorhanden sind, wenn auch vorübergehend eine andere Kost genommen wird. Und beim Reichen schließt die Abwechslung der Speisekarte ein B1-Defizit aus.

Mit Diagnosen wie „Beri-Beri-artiges“ Krankheitsbild, „relative B1-Avitaminose“, „B1-Hypovitaminose“ usw. im gemäßigten Klima sollte man deshalb besonders dann vorsichtig sein, wenn kein objektiver Befund vorliegt und nicht einmal die Beschwerden besonders charakteristisch sind.

Lediglich unter besonderen Umständen scheint mir die Möglichkeit einer B1-Avitaminose im gemäßigten Klima gegeben, nämlich bei. länger dauernden hochfieberhaften Erkrankungen, so bei Typhus, chronischer Sepsis, Tuberkulose usw., speziell wenn hierbei die Nahrungsaufnahme leidet; denn der B1Konsum unter dem Einfluß des Fiebers scheint so enorm zu sein, daß z. B. in meiner Klinik nahezu jeder Fall von Malaria, Typhus, Pocken, Masern (der Erwachsenen) und Pneumonie unfehlbar eine schwere Beri-Beri bekommt, wenn nicht prophylaktisch hohe Vitamin B1-Dosen gegeben werden. So glaube ich, daß man auch im gemäßigten Klima bei ähnlichen fieberhaften Erkrankungen mit dieser Gefahr zu rechnen haben wird, und daß eine systematische Durchsuchung eines entsprechenden Materials in dieser Richtung angezeigt erscheint. Betonen möchte ich, daß man nicht viel subjektive Beschwerden erwarten darf: Ein Typhuskranker, der mehr oder weniger benommen im Bett liegt, pflegt während des Fieberstadiums fast nie über subjektive Beri-Beri-Beschwerden zu klagen, während objektiv schwerste Veränderungen auffindbar sind. Wenn man in Deutschland systematisch bei solchen Kranken auf das Verschwinden der Patellarsehnenreflexe, auf Wadendruckschmerz, Atrophie der Wadenmuskulatur und Herabsinken der Fußspitze in Peronäus-Stellung achtet, wird man sicher und objektiv die Frage, ob eine B1-Avitaminose im gemäßigten Klima häufiger vorkommt, entscheiden können. Sind-bei Prüfung eines größeren Materials nicht einmal bei langdauernden, hochfieberhaften Erkrankungen objektive Beri-Beri-Symptome nachweisbar, so ist die Wahrscheinlichkeit und Gefahr, daß im gemäßigten Klima die B1-Avitaminose eine Rolle spielt, recht gering. Finden sich dagegen häufiger objektive Zeichen der genannten Art, so wäre dieser Befund von größter Wichtigkeit für den Therapeuten; denn nach meinen Erfahrungen stellt eine B1-Avitaminose, d. h. eine Beri-Beri bei einer Infektionskrankheit, eine ernste Komplikation dar, die den an sich schon belasteten Kreislauf noch weiter schädigen und so die Wendung zum Ungünstigen veranlassen kann.

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Copyright information

© Julius Springer und J. F. Bergmann 1937

Authors and Affiliations

  • A. Schretzenmayr
    • 1
  1. 1.Medizinischen Klinik der Militärärztlichen Akademie CantonDeutschland

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