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Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten

, Volume 208, Issue 3, pp 209–233 | Cite as

Cerebrale Organisation somatomotorischer Leistungen

II. Experimentelle Untersuchungen über die zentrale Koordination der Motorik
  • W. R. Hess
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Zusammenfassung

  1. 1.

    Im Anschluß an Teil I über die Somatomotorik und ihre physikalischen Prinzipien werden in diesem II. Teil experimentelle Erfahrungen über die diencephal-mesencephale Regulierung der Körperhaltungen und gezielten Bewegungen besprochen.

     
  2. 2.

    Voraussetzung treffsicherer Bewegungsabläufe ist eine definierte Ausgangsstellung. Sie entspricht der Bereitschaft zum Handeln und ist als dynamisches Gleichgewicht in drei Raumebenen automatisch gesichert. Lokalisierte Hirnreizversuche zeigen, daß Kopf- und Körperbewegungen in der Vertiko-sagittal-, der Frontal- und der Horizontalebene von distinkten Foci im Zwischen- und Mittelhirn gesteuert werden: Aufwärts- und Abwärtsbewegung, Raddrehung und Wendungen in der Horizontalebene.

     
  3. 3.

    Diese reizbedingten Effekte sind Bewegungen, welche normalerweise passive Deviationen kompensieren und so die motorische Bereitschaftsstellung gewährleisten.

     
  4. 4.

    Die kompensatorischen Bewegungen von Kopf- und Vorderkörper vertikal ab- und aufwärts, Raddrehen um die Längsachse, entgegen und im Sinne des Uhrzeigers werden jeweils von lokalisatorisch getrennten Foci aktiviert. Analoges gilt für Wenden nach der Seite der Reizstelle (ipsiversiv) oder in entgegengesetzter Richtung (contraversiv). Diese richtungsspezifische Beziehung zwischen cerebralem Ort und motorischer Manifestation entspricht einem exzentrisch projizierten Koordinatensystem, dessen Vertikalachse mit der Schwerelinie koinzidiert.

     
  5. 5.

    Durch kombinierte Aktivität der richtungsspezifischen Foci werden die Bewegungen im dreidimensionalen Raum motorisch beherrscht und receptorisch kontrolliert, u. a. durch den Vestibularapparat. So wird die Vielfalt möglicher Bewegungen motorisch wie receptorisch auf senkrecht zueinander stehende Komponenten der 3 Raumebenen reduziert. Experimentelle Befunde zeigen, daß dieses sensorische und motorische Ordnungsprinzip auch die nervösen Verbindungen einbezieht. Die Sicherung der Körperhaltung beruht somit auf dem Zusammenspiel durchgehender, richtungsspezifischer Systeme.

     
  6. 6.

    Ausschaltungsexperimente bestätigen die beschriebenen Verhältnisse. Sie beweisen zudem eine Tonisierung der richtungsspezifischen Systeme im Wachzustand. Gezielte Bewegung ist die Manifestation eines gerichteten Übergewichtes, das durch Intention oder exteroceptive Reize gesteuert sein kann, deren Wirkungen sich den stabilisierenden Kräften additiv überlagern.

     
  7. 7.

    Der hirnanatomisch orientierte Begriff eines „motorischen Zentrums“ sollte nach physiologischen Gesichtspunkten revidiert werden. Die cerebrale Organisation der Motorik entspricht einer funktionellen Manifestation neurophysiologischer Mechanismen, deren Substrat in verschiedenen Hirnregionen mit Bevorzugung bestimmter Bewegungsregulationen vertreten ist.

     
  8. 8.

    Die auf Leistung ausgerichteten Bewegungen können im Reizexperiment durch verschiedene Symptome kompliziert sein. Diese beruhen auf Miterregung systemfremder Elemente. Eine besondere Kategorie steht zum Vegetativum in Beziehung und bewirkt eine organische Umstimmung der Funktionsbereitschaft.

     

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Copyright information

© Springer-Verlag 1966

Authors and Affiliations

  • W. R. Hess
    • 1
  1. 1.Physiologisches Institut der Universität ZürichSchweiz

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