Der holzzerstörende Pilz Agrocybe aegcrita (Agaricaceae) kann leicht unter Laborbedingungen angezogen und zur Fruchtkörperbildung gebracht werden. Sein Fortpflanzungsverhalten wird durch den tetrapolaren Mechanismus der homogeniscben Incompatibilität kontrolliert und sein vollständiger Entwicklungszyklus dauert etwa 6 Wochen. Dagegen können dikaryotische Myzelien schon nach 3 Wochen Fruchtkörper bilden. Da es möglich ist, die Basidiosporen (10×6 μm) mit der Hand zu isolieren, eignet sich dieser Pilz sehr gut für genetische Untersuchungen, die sowohl als Zufallsanalyse als auch mit Hilfe der Tetradenanalyse durchgeführt werden können. Wir waren daher in der Lage, die Formalgenetik dieses Pilzes auszuarbeiten.
Innerhalb der monokaryotischen Nachkommenschaft eines Dikaryons, das aus der Natur isoliert wurde, fanden wir eine beträchtliche Variabilität hinsichtlich der Fruchtkörperbildung nach Kreuzung dieser Stämme. Neben relativ frühen Fruchtern (<28 d) kam es in einigen Kombinationen selbst nach 42 d nicht zur Fruktifikation trotz verträglicher Incompatibilitätsfaktoren. Um dieses Phänomen zu quantifizieren, haben wir für die Monokaryen den Parameter „Fruchtungspotenz” entwickelt, in den als einzige Variable der Zeitpunkt der Fruchtkörperbildung nach Herstellung eines Dikaryons eingeht. Eine ähnliche Variabilität wurde für das sogenannte monokaryotische Fruchten (die Fähigkeit von Monokaryen, auch ohne compatiblen Kreuzungspartner zu fruktifizieren) entdeckt. Drei Typen dieses qualitativen Merkmals wurden identifiziert : Monokaryotische Fruchter, Nicht-Fruchter und Nicht-Fruchter mit Fruchtkörperanlagen. Die ersteren bilden zwar normal aussehende Fruchtkörper, die jedoch wesentlich kleiner sind als die an Dikaryen entstehenden und meist nur Basidien mit zwei Sporen haben.
Da Agrocybe aegerita zu den Speisepilzen gehört, haben wir versucht, ihre Fruchtkörperproduktion zu verbessern, um auf diese Weise ein Material für eine praktische Nutzung zu erhalten. Als Beispiel für eine konzertierte Züchtung wurde das Kriterium der Fruchtungspotenz ausgewählt. Ausgehend von einem aus der Natur isolierten Fruchtkörper war es möglich, in nur 4 Generationen durch Selektion und Rekombination in einer Inzuchtpopulation die Fruchtungspotenz merklich zu steigern.
In einer parallelen Versuchsreihe haben wir — gewissermaßen als Kontrolle — gezeigt, daß es unter Anwendung der gleichen Methodik möglich ist, auch das konträre Züchtungsziel zu erreichen, nämlich eine Abnahme der Fruchtungspotenz.
Es ist damit klar geworden, daß A. aegerita als ein geeignetes Objekt für züchterische Versuche angesehen werden kann. Darüber hinaus haben wir jedoch bei der Auswertung dieser Versuche eine statistisch signifikante Korrelation zwischen Fruchtungspotenz und monokaryotischem Fruchten entdeckt. Die Bedeutung dieser Erscheinung für ein Verständnis der genetischen Kontrolle der Fruchtkörpermorphogenese und damit für die Grundlagenforschung liegt auf der Hand.
Der Aufenthalt von M. Semerdžieva wurde durch ein Stipendium der Heinrich-Hertz-Stiftung, Düsseldorf, ermöglicht. Die Experimente wurden durch Sachmittel der Deutschen Forschungsgemeinschaft und des Landesamtes für Forschung unterstützt. Wir danken diesen Institutionen. Unser Dank gilt auch den technischen Mitarbeitern unseres Lehrstuhls, insbesondere Frau M. Kuglmeier, für ihre Hilfe.