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Deutsche Zeitschrift für Akupunktur

, Volume 62, Issue 4, pp 247–248 | Cite as

Die Unter-dem-Gürtel-Krankheiten

  • Axel WiebrechtEmail author
  • Johanna StörEmail author
Einführung zum Schwerpunktthema
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The below-the-belt diseases

© Springer Medizin Verlag GmbH

In dieser Ausgabe hat sich die Deutsche Zeitschrift für Akupunktur des Schwerpunktthemas Gynäkologie angenommen. Die Gynäkologie war und ist von alters her ein essenzieller Anwendungsbereich der chinesischen Medizin.

Im Huang Di Nei Jing Su Wen (Des Gelben Gottherrschers Interner Klassiker, Reine Fragen) werden verschiedene gynäkologische Erkrankungen und Behandlungsprinzipien vorgestellt. Bereits in der Periode der Kämpfenden Staaten existierte die Gynäkologie als Fachgebiet, der Arzt Que Bian war dafür berühmt, dass er Krankheiten „unterhalb des Gürtels“ behandelte [1]. Zhang Zhong-Jing (150–219) verfasste in seinem Jin Gui Yao Lüe (Wesentliche Rezepturen aus dem Goldenen Kabinett) drei Kapitel über Frauenheilkunde (Krankheiten in der Schwangerschaft, bei postpartalen Frauen und Frauenkrankheiten verschiedener Art; [2]). In den folgenden Jahrhunderten erschienen Dutzende von Büchern über das Fachgebiet, u. a. drei Bände des bedeutenden Arztes Sun Si-Miao (581–682). Während der Song-Dynastie (960–1279) bildeten Gynäkologie und Geburtshilfe eine der 9 Abteilungen der Kaiserlichen Universität [1].

Besondere Bedeutung der Blut-Pathologien

Chen Zi-Ming stellte 1237 den Behandlungsgrundsatz auf: Bei Männern reguliere das Qi, bei Frauen reguliere das Blut. Störungen rund um das Blut, wie Blutmangel, Blutstagnation und pathologische Blutungen, spielen in der Frauenheilkunde eine besondere Rolle. Daher hat die chinesische Arzneitherapie von Anfang an eine herausragende Stellung eingenommen. Dieses spiegelt sich im Artikel von Kirsten Kuhlmann „Chinesische Medizin bei Endometriose, Dysmenorrhö und Myomen“ wider. Die Dysmenorrhö, die als Schmerzstörung einer Akupunktur gut zugänglich ist, ist oft weniger als eine Krankheitsentität für sich als vielmehr als Symptom einer dahinterliegenden Pathologie zu verstehen. Endometriose und das Myom sind mögliche Ursachen für die Beschwerden.

Für beide Erkrankungen stellt die konventionelle Medizin weniger befriedigende Behandlungsoptionen zur Verfügung wie Hormonpräparate, Symptomunterdrückung oder die Operation. Die konservative Endometriosebehandlung ist nicht sonderlich effektiv. Das Progesteronpräparat Esmya zur Myombehandlung kam jüngst in die Schlagzeilen, weil es schwere Leberreaktionen hervorrufen kann, sodass in bestimmten Abständen Laborkontrollen zwingend vorgeschrieben wurden. Daher stellen die genannten beiden Indikationen – neben polyzystischem Ovarialsyndrom (PCOS) und unerfülltem Kinderwunsch – Gründe dafür dar, dass die chinesische Arzneitherapie von Frauen häufiger nachgefragt wird.

Aber auch andere Therapieformen aus dem Spektrum der chinesischen Medizin können vorteilhaft bei gynäkologischen Problemen eingesetzt werden. Der Artikel von Ute Engelhardt und Rainer Nögel demonstriert, dass die chinesische Ernährungstherapie bei Fluor vaginalis eine vielversprechende Behandlungsoption ist. Betroffene Frauen haben dadurch die Möglichkeit, nach entsprechender Anleitung selbstständig etwas für ihre Gesundheit zu tun. Mit Ute Engelhardt und Rainer Nögel konnten wir sehr kompetente Autoren auf dem Gebiet der chinesischen Ernährungstherapie gewinnen. Nebenbei gibt die Arbeit einen interessanten Einblick in die historische Genese der Bezeichnung für die frauenspezifischen Erkrankungen und ihrer Behandlung.

Eine weitere Therapieform aus dem Spektrum der chinesischen Medizin ist das Qigong. Anna Mietzner zeigt, wie dieses in der Gynäkologie bei verschiedenen funktionellen Störungen, aber auch bei Begleiterscheinungen schwerer Erkrankungen zur Symptomlinderung und Verbesserung der Lebensqualität differenziert eingesetzt werden kann. Dabei ist die Evidenzlage für ausgewählte Indikationen wie Lungenerkrankungen, chronische Nackenschmerzen, Hypertonus und Fatigue bei Mammakarzinompatientinnen besser, als man vielleicht vermuten würde.

Eine Bereicherung der Therapieoptionen aus dem Bereich „related techniques“ stellt die Neuraltherapie dar. Durch den Zugang zu tiefen nervalen Strukturen oder das Angehen von Störfeldern werden Zugangswege eröffnet, die der Akupunktur nicht unmittelbar zur Verfügung stehen. Stefan Weinschenk erläutert die Wirkungsweise der Neuraltherapie sehr schön am Beispiel Vulvodynie, einem Krankheitsbild, bei dem meist keine organischen Befunde zu finden sind, das sich aber auch mit organischen Erkrankungen überlappen kann. Der Autor berichtet über eine nach seiner Erfahrung hohe Erfolgsrate mit andauerndem Effekt. Diese Eigenschaft, nämlich eine Langzeitwirkung zu erzielen, die über das Behandlungsende hinausgeht und die die Neuraltherapie mit der Akupunktur und anderen naturheilkundlichen Verfahren teilt, ist ein noch kaum beforschtes Gebiet, das seiner Aufklärung harrt.

Ein psychosomatisches Krankheitsverständnis spielt eine wichtige Rolle

Wie am vorangehenden Beispiel deutlich wird, spielt in der Gynäkologie mit ihren möglichen Konfliktthemen wie Sexualität, Partnerschaft, Schwangerschaft und Gewalterfahrung ein psychosomatisches Krankheitsverständnis eine wichtige Rolle. Schon im Huang Di Nei Jing Su Wen wurde diese Beziehung offensichtlich gesehen, indem ein Ausbleiben der Regel damit erklärt wurde, dass das Gebärmuttergefäß mit dem Herzen verbunden ist (Kap. 33, [4]). Heribert Kentenich, Anna Julka Weblus und die zwischenzeitlich leider verstorbene Marina Werling geben in ihrem Artikel „Psychosomatische Grundversorgung in der Frauenheilkunde“ einen kompetenten Überblick über belastende Lebenssituationen und Krankheitsmuster, aber auch Interventionsmöglichkeiten, die erlernbar sind.

Zunehmend setzt sich ein integratives Herangehen in der chinesischen Medizin bei Erkrankungen durch, die mit einer Medizinrichtung allein nur unzureichend angegangen werden können. Bei der Behandlung hormonabhängiger Tumoren stellt sich immer wieder die Frage nach der Problematik der Gabe phytoöstrogenhaltiger Phytotherapeutika begleitend zu einer konventionellen Therapie. Zahlreiche Anfragen an das Centrum für Therapiesicherheit in der Chinesischen Arzneitherapie (CTCA) dokumentieren, dass ein markantes Bedürfnis nach Klärung dieser Frage besteht. Axel Wiebrecht beschreibt die aktuelle Erkenntnislage und schlussfolgert, dass darauf keine definitive Antwort gegeben werden kann. Immerhin können Empfehlungen zu einigen sicheren Rezepturen und Einzeldrogen ausgesprochen werden.

Bei dieser Frage wie auch allgemein in der Gynäkologie zeigt sich eine besondere Herausforderung durch die komplizierte Steuerung der weiblichen Reproduktionsphysiologie unter Berücksichtigung der verschiedenen Lebensphasen, des Menstruationszyklus und der Dosis- und Impulsabhängigkeit hormoneller Regulationen. Wie Sun Si-Miao sagte: Krankheiten von Frauen sind zehnmal schwerer zu behandeln als solche von Männern [3]. Wir hoffen, dass die vorgestellten Beträge dazu beitragen, etwas von dieser Bürde nehmen.

Notes

Interessenkonflikt

A. Wiebrecht und J. Stör geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Literatur

  1. 1.
    Maciocia G (2000) Die Gynäkologie in der Praxis der Chinesischen Medizin. Ganzheitliche Medizin, KötztingGoogle Scholar
  2. 2.
    Zhang XG, Zhang H, Liang XL et al (2011) Gynecology and gynecological nursing theories and practices in traditional Chinese Medicine: review on the ancient literatures. Chin Med 2:77–83CrossRefGoogle Scholar
  3. 3.
    Cochrane S, Smith CA, Possamai-Inesedy A, Bensoussan A (2014) Acupuncture and women’s health: an overview of the role of acupuncture and its clinical management in women’s reproductive health. Int J Womens Health 6:313–325CrossRefGoogle Scholar
  4. 4.
    Huang Di Nei Jing SW (2013) Antike Klassiker der Chinesischen Medizin. Cygnus, BerlinGoogle Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  1. 1.Allgemeinmedizin, Chinesische Medizin, Chirotherapie, NaturheilverfahrenBerlinDeutschland
  2. 2.Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Akupunktur – chinesische Arzneitherapie – TCM (ASA)SchwyzSchweiz

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