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Geriatrie-Report

, Volume 14, Issue 4, pp 9–9 | Cite as

Ökonomisierung im Gesundheitswesen

Ethik darf nicht auf der Strecke bleiben

  • Peter Stiefelhagen
Ethikforum
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In kaum einem anderen Arbeitsfeld ist die ethische Verantwortung so hoch wie in der Medizin. Doch in einer Zeit, in der die Ökonomie und Kommerzialisierung der Medizin immer stärker um sich greifen, besteht die Gefahr, dass die Ethik auf dem Altar der Monetik geopfert wird.

Moral und Ethik sind das unverzichtbare Fundament des ärztlichen Handelns. Gerade in der heutigen Zeit ist es wichtig, nicht nur zu verstehen, was medizinisch gutes und richtiges Handeln ist. Vielmehr geht es darum, Verfahren und Techniken zu diskutieren und zu entwickeln, die ethisch richtiges Handeln in der Praxis ermöglichen und fördern, so Johannes Müller-Salo von der Universitätsklinik Mainz.

Vier ethische Prinzipien

Die biomedizinische Ethik wird von vier Prinzipien bestimmt:
  • Fürsorge,

  • Nichtschaden,

  • Autonomie und

  • Gerechtigkeit.

Dabei müssen sowohl individual- als auch sozialethische Aspekte Berücksichtigung finden. Ein aktuelles Problemfeld ist die Ökonomisierung der Medizin, berichtete Müller-Salo. Sie ist jedoch nicht grundsätzlich unethisch und kann sogar sozialethisch geboten sein, da die Ressourcen sinnvoll aufgeteilt werden müssen und das Gesundheitssystem auf Dauer finanzierbar bleiben muss. Unethisch dagegen ist die Kommerzialisierung der Medizin, also das Anbieten einer nicht-indizierten Leistung, nur um Profit zu machen.

Der Zwiespalt zwischen Ethik und wirtschaftlicher Rationalität belastet Ärzte immer stärker.

© DjelicS / Getty Images / iStock (Symbolbild mit Fotomodell)

„Moral ist nicht gleich Ethik“, betonte Dr. Gertrud Greif-Higer von der Universitätsklinik Mainz. Der Begriff „Moral“ bezeichnet ein aus kultureller und religiöser Erfahrung gebildetes Regel-, Normen- und Wertesystem, das in einer Gesellschaft als Verhaltensmaßstab betrachtet wird. Moral ist somit immer intuitiv — im Unterschied zur Ethik, die reflexiv und mit einem normativen Anspruch verbunden ist. Ethik ist ein Teilbereich der Philosophie, der sich anhand methodisch geleiteter Reflexion mit moralischen Vorstellungen und deren Begründung beschäftigt.

„Moral distress“ nimmt bei Ärzten zu

Immer mehr Ärzte empfinden heute „Moral distress“. Darunter versteht man eine Reaktion auf Situationen, in denen man intuitiv oder explizit weiß, was richtig ist oder wie man richtig zu handeln hätte, aber institutionelle Grenzen, Zwänge oder Ignoranz einen daran hindern, dies zu tun. Wenn Ärzte wissen, was für den Patienten am besten ist, dies aber im Widerspruch zu dem steht, was die Organisation, Familie, Gesellschaft und mitunter auch Patienten selbst verlangen, so kann das krank machen. Für den Arzt wird es immer schwerer, dem vielfältigen Spannungsverhältnis gerecht zu werden.

Die messbare und objektivierbare evidenzbasierte Medizin steht zum einen der Arzt-Patienten-Beziehung als individuelle Gestaltungsaufgabe gegenüber, die nicht standardisierbar ist. Dazu kommen die Selbstbestimmung des Patienten, also die Verwirklichung subjektiver Gesundheitsziele, und die Anforderungen an Gleichbehandlung und Transparenz. „Dies ist der Nährboden für ethische Konflikte“, so Greif-Higer.

Konflikte durch Ökonomisierung

„Die Medizinethik ist heute wichtiger denn je, denn die Konflikte zwischen dem individuellen ärztlichen Ethos sowie dem Selbstverständnis auf der einen Seite und den Anforderungen betriebswirtschaftlicher Rationalität auf der anderen prägen den medizinischen Alltag immer stärker“, so Müller-Salo. Der dadurch entstehende Zwiespalt wirft die Frage auf, wie unter diesen Bedingungen ethisch richtiges medizinisches Handeln aussehen kann. Bei solchen Konflikten ist eine situationsbezogene Abwägung notwendig, die im Einzelfall eine Gewichtung, etwa der Fürsorgepflicht des Arztes und des Prinzips der Effizienz, unausweichlich macht.

In diese Überlegungen müssen auch Gesichtspunkte der politischen Ethik und der Sozialethik einfließen. Im Sinne einer geteilten Verantwortung sind auch andere Akteure im Gesundheitsbereich wie Politiker und Krankenkassenfunktionäre gefragt.

Literatur

  1. 54. Ärztekongress, 25.1.2019 in StuttgartGoogle Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  • Peter Stiefelhagen
    • 1
  1. 1.

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