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Pflegezeitschrift

, Volume 71, Issue 11, pp 57–57 | Cite as

Sterbeort und Patientenverfügung: Am Lebensende gibt es noch viel zu organisieren

  • Markus Hieber
Impuls der Wissenschaft
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Am Lebensende leben viele Menschen in Einrichtungen — ob sie sich dort wohl fühlen, wo sie sterben möchten und ob sie Patientenverfügungen vorbereitet haben, das untersuchte eine deutsche Studie. Das Ergebnis zeigt, dass die Bewohner bei den rechtlichen Themen vielfach fachliche Unterstützung benötigen.

In einer quantitativen Studie wurden 68 Bewohner von vier Pflegeeinrichtungen des Kommunalunternehmens Würzburg mündlich und persönlich anhand eines standardisierten Fragebogens zum gewünschten Sterbeort, zu Vertrauenspersonen im Pflegeheim und zu schriftlichen Vorausverfügungen wie der Patientenverfügung interviewt. Die Befragten waren zwischen 59 und 98 Jahre alt; 72% von ihnen waren Frauen.

Von den Interviewten fühlten sich 47 Personen im Pflegeheim zu Hause, 20 taten dies nicht und ein Bewohner war diesbezüglich unentschieden. 36 Befragte gaben an, sie hätten im Pflegeheim eine Vertrauensperson: 19 benannten eine Pflegekraft als Vertrauensperson, 13 einen Mitbewohner, zwei die soziale Betreuung, eine Person die Heimleitung und eine andere den Ehepartner. Konkrete Wünsche hinsichtlich des Sterbeortes gaben 58 der Befragten an: das Pflegeheim als Sterbeort wünschten sich 43 Bewohner. Dabei fiel auf, dass Personen, die sich im Pflegeheim zu Hause fühlen, signifikant häufiger im Pflegeheim sterben möchten als Bewohner, die sich nicht im Heim zu Hause fühlen. Das gleiche gilt für Bewohner, die eine Vertrauensperson im Heim haben.

Verfügung ist nicht gleich Verfügung

Informell hatten 52 der Befragten aus ihrem persönlichen Umfeld über ihre Versorgungswünsche am Lebensende informiert. Ungefähr ein Drittel der Befragten hatte eine Patientenverfügung verfasst. Es liegen also deutlich weniger Vorausverfügungen vor als in der Bevölkerung gleichen Alters, die in anderen Studien befragt wurde. Allerdings sind die Patientenverfügungen oftmals unpräzise formuliert, im Ernstfall nicht zur Hand oder unpassend zur eingetretenen Situation. Darüber hinaus haben die Vertrauenspersonen des Bewohners, die über die Versorgungswünsche am Lebensende informiert sind, keine rechtliche Handhabe, diese Wünsche auch tatsächlich umzusetzen. Dies bedeutet, dass sich die Bewohner in einer Scheinsicherheit bezüglich ihrer finalen Versorgung befinden.

Die Forscherinnen verweisen abschließend auf das Konzept der „Advance Care Planning“ (ACP), bei der in einem dynamischen Prozess über einen längeren Zeitraum von spezifisch weitergebildeten Pflegern und Ärzten in Zusammenarbeit mit dem Bewohner eine erweiterte Patientenverfügung erstellt wird. Diese ist dann meist präziser und umfassender als herkömmliche Patientenverfügungen, wird mehrfach aktualisiert und an die relevanten Stellen (Rettungsdienste, behandelnder Arzt) kommuniziert.

Kommentar

Eine handschriftliche Patientenverfügung einer Heimbewohnerin, die lediglich besagt, dass sie an ihrem Lebensende nicht an Schläuchen hängen möchte, wird in der Notfallpraxis keine Beachtung finden können. Die Formulierung drückt nicht eindeutig aus, welcher Art die abgelehnten Schläuche sind und ob es sich beispielsweise um die Gänsegurgel eines Beatmungsgerätes oder einen venösen Zugang handelt. Allerdings ist eine präzisere Patientenverfügung auch gleich sehr viel umfangreicher, weil sie viele verschiedene Interventionen und Szenarien berücksichtigt. Somit ist die Patientenverfügung in der Eile und Hektik der Notfallpraxis nicht leicht zu überblicken. Allerdings sind auch Patientenverfügungen, in denen Grundprinzipien formuliert werden, die für möglichst viele Krankheitsverläufe und Komplikationen Anwendung finden können und die lebensverlängernde Maßnahmen nur dann vorsehen, wenn danach noch ein selbstbestimmtes Leben möglich ist, in ihrer Auslegung so dehnbar, dass auch sie vom Notarzt eher nicht berücksichtigt werden. „Advance Care Planning“ ergibt also durchaus Sinn. Das Hospiz- und Palliativgesetz vom 1. Dezember 2015 sieht eine gesundheitliche Versorgungsplanung für die letzte Lebensphase optional vor. Nach meiner Erfahrung ist aber von ACP nichts in der Praxis angekommen. Michael Coors et al. geben in ihrem Buch zum ACP aus dem Jahr 2015 an, dass dieses Konzept deshalb so wenig Beachtung gefunden hat, weil es nicht verstanden wird. Studien, wie die hier referierte, tragen hoffentlich dazu bei, das ACP vermehrt in den Einrichtungen zu etablieren.

Quelle

  1. van Oorschot B, Mücke K, Cirak A, Henking T, Neuderth S. Gewünschter Sterbeort, Patientenverfügungen und Versorgungswünsche am Lebensende: erste Ergebnisse einer Befragung von Pflegeheimbewohnern. Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, online 6. August 2018Google Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018

Authors and Affiliations

  1. 1.Residenz ZehlendorfBerlinDeutschland

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