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MTZ - Motortechnische Zeitschrift

, Volume 75, Issue 6, pp 82–82 | Cite as

Welchen Wert hat Erfahrung?

  • Dirk Bergmann
Gastkommentar
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Viele Trendaussagen und Visionen bescheinigen dem Verbrennungsmotor, insbesondere im Langstreckentransport, bei den Bau- und Landmaschinen sowie im Industriebereich, noch eine lange Zukunft. Mit dem heute bereits erreichten niedrigen Emissionsniveau für schwere Nutzfahrzeuge der Stufe Euro VI werden sich die Weiterentwicklungsziele wieder verstärkt in Richtung Verbrauchsminderung orientieren. Eine entscheidende Voraussetzung für den Erfolg dieser Entwicklungsaufgabe wird die Erfahrung langjähriger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sein. Denn von der ersten Funktionsdarstellung auf einem Prüfstand bis hin zu abgesicherten Erkenntnissen aus einem flächendeckenden Kundeneinsatz vergehen oft fünf oder mehr Jahre. Diese Lernphase und die daraus gewonnenen Erkenntnisse, zielgerichtet angewendet, ermöglichen es aber erst, komplizierte technische Zusammenhänge zu verstehen und diese in einem nächsten und übernächsten Schritt weiter zu verbessern. Erfahrungen spielen daher insbesondere in Zeiten stetig zunehmender Komplexität durch immer neue Technologien, wie in der Abgasnachbehandlung, der modellbasierten Motorsystemregelung, der Energie-Rückgewinnung und Elektrifizierung oder der Anwendung von statistischen Testmethoden, eine entscheidende strategische Rolle.

Doch welcher Wert wird Erfahrung beigemessen, wenn die Ziele des Managements von Shareholder-Values und Quartalszahlen dominiert werden? Kurzfristige Optimierungsziele verleiten dazu, den Aufwand zur Aufrechterhaltung der Ressource „Erfahrung“ einzusparen. Konflikte entstehen, wenn langjährige Erfahrung auf kurzfristigen Veränderungs- und Optimierungswillen trifft. In diesen Fällen ist dann strategische Weitsicht und Fingerspitzengefühl des Managements gefragt, da einmal verloren gegangenes Erfahrungswissen in der Regel nur mit großem zeitlichen und finanziellen Aufwand wiedererlangt werden kann.

Neben den Überlegungen über die Zukunft des Verbrennungsmotors bezüglich der Emissionseinhaltung, der Klima- und Ressourcenschonung, der Kraftstoffarten und der Marktgrößen, stellt sich eine wesentliche Frage, ob und wo es langfristig noch genügend erfahrene Entwicklerinnen und Entwickler geben wird, die im Stande sind, die Details verbrennungsmotorischer Antriebssysteme und deren Anwendungen zu verstehen und weiterzuentwickeln. Die nachhaltige Pflege von Erfahrungswissen im Unternehmensumfeld und damit die Entwicklung von Experten ist daher ein strategischer Schlüsselfaktor, da Technologien und insbesondere deren Zusammenspiel in komplizierten technischen Systemen von Individuen verstanden und beherrscht werden. Lösungen können hier (dezentrale) Kompetenzzentren sein, die in ihrem jeweiligen Fachgebiet eine hinreichende Größe aufweisen, um auch seltenes Erfahrungswissen zu erhalten. Für die unternehmerische Nutzung dieses dann räumlich verteilten Wissens sind ein konsequentes Projektmanagement und die Anwendung moderner Kommunikationsmethoden zwingend notwendig.

Erfahrung hat einen strategischen Wert, um Technologieführerschaft und Innovationskraft erhalten und gegebenenfalls ausbauen zu können.

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 2014

Authors and Affiliations

  • Dirk Bergmann
    • 1
  1. 1.WiesbadenDeutschland

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