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DNP - Der Neurologe & Psychiater

, Volume 20, Issue 6, pp 10–10 | Cite as

Gehirnentwicklungsstörungen durch diaplazentar übertragene Antikörper?

  • Thomas M. Heim
Medizin aktuell
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Sind Erkrankungen wie ADHS, Autismus-Spektrum-Störungen oder Schizophrenie zumindest in manchen Fällen durch antineuronale Antikörper erklärbar, die während der Schwangerschaft von der Mutter auf den Fötus übertragen werden? Für diese gewagte These gibt es ernstzunehmende Indizien.

Antineuronale Antikörper könnten ein beträchtliches Risiko für die kindliche Gehirnentwicklung darstellen, so PD Dr. Harald Prüß, Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen, Berlin. Schwangere mit einer Myasthenia gravis beispielsweise können Acetylcholinrezeptorantikörper auf den Fötus übertragen und bei diesem in seltenen Fällen schwere Entwicklungsstörungen auslösen, nämlich ein fetales Acetylcholinrezeptor-Inaktivierungssyndrom oder eine Arthrogryposis multiplex congenita. Prüß zufolge seienAntikörper gegen den N-Methyl-D-Aspartat-Rezeptor (NMDA-R) direkt pathogen und die NMDA-R-Enzephalitis die häufigste antikörperassoziierte Enzephalitis.

Mütter übertragen über das Plazentablut nicht nur Gutes: auch pathogene Antikörper könnten weitergegeben werden.

© Olivier / Fotolia

Ein Prozent Seroprävalenz bei „Gesunden“

Ungefähr 1 % aller asymptomatischen schwangeren Frauen sind seropositiv für NMDA-R-Antikörper. Prüß hält es für denkbar, dass es hier eine bislang unerkannte Ursache für die Entstehung kindlicher Gehirnentwicklungsstörungen geben könnte. Indizien dafür seien beispielsweise der wiederholte Nachweis von NMDA-R-Antikörpern im Blut asymptomatischer Mütter von Kindern mit Autismus, Tourette-Syndrom oder Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Antikörper gegen die NR1(GluN1)-Untereinheit des NMDA-R gehören dabei zu den am häufigsten gefundenen antineuronalen Oberflächenantikörpern. Weitere antineuronale Antikörper, die mit NMDA-R-Funktionen interferieren, sind Anti-NR2B(GluN2B)-, bei Müttern von Kindern mit Autismus-Spektrum-Störung, Anti-Fetal-Brain- und Anti-Caspr2-Antikörper.

In verschiedenen Versuchsreihen wurden monoklonale antineuronale Antikörper via intraperitonealer Injektion auf trächtige Mäuse übertragen. Dadurch konnten bei ihrem Nachwuchs verschiedene neuropsychologische Symptome ausgelöst werden, darunter autismusähnliches Verhalten, Angstsymptome, Hyperaktivität und vermindertes Gehirnwachstum [Jurek B et al. Ann Neurol 2019, Epub ahead of print].

Potenziert die Plazenta das Problem?

Prüß wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass Immunglobuline im Plazentablut angereichert werden, um dem Fötus einen optimalen Schutz zu bieten. Dabei würden aber auch potenziell pathogene Antikörper angereichert. „Möglicherweise sind wir gerade dabei, eine Subgruppe neuropsychiatrischer Erkrankungen zu entdecken, die wir behandeln könnten, weil sie mit der Präsenz bestimmter Antikörper zu tun haben“, gibt Prüß zu bedenken. Um das weiter aufzuklären, seien allerdings zunächst geeignete prospektive Studien erforderlich.

Literatur

  1. 92. DGN-Kongress, Stuttgart, 25. – 28.9.2019Google Scholar

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Authors and Affiliations

  • Thomas M. Heim
    • 1
  1. 1.

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