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DNP - Der Neurologe und Psychiater

, Volume 13, Issue 1, pp 15–15 | Cite as

Potenziale von Religion und Spiritualität nutzen!

  • Friederike Klein
Medizin aktuell
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Abstract

Ein wahrer Trend sind derzeit achtsamkeitsbasierte Psychotherapieverfahren. Die Achtsamkeitsmeditation entstammt der buddhistischen Tradition und ist ein gutes Beispiel dafür, wie Glaube und Spiritualität die Therapie bereichern können.

Achtsamkeit ist nicht buddhistisch, sie ist menschlich, erläuterte Professor Harald Walach, Frankfurt/Oder: ein wohlwollend-akzeptierendes Achten auf alle kognitiven, emotionalen und körperlichen Ereignisse. Die häufig als Beobachtung des eigenen Atems geübte Achtsamkeit hat den Vorteil, ubiquitär in den Alltag integriert werden zu können. Achtsamkeit hilft, Automatismen zu brechen, sich zu zentrieren und im gegenwärtigen Augenblick zu sein. Sie ist aber mehr als eine Technik, für Walach ist es auch eine Haltung und Seinsweise — gerade für Therapeuten, die eine solche Meditation als Übung und zur Psychohygiene für sich und als Hilfe zur Empathie, für Präsenz, Wachsamkeit und Verstehen in der Therapie nutzen können.

Achtsamkeit in der Psychotherapie

Achtsamkeitsmeditation ist auch therapeutisch wirksam. Nach einer Metaanalyse sind die Effektstärken bei achtsamkeitsbasierter Mindful Based Stress Reduction (MBSR) bei Patienten mit Krebs, Depression oder Angst mit etwa 0,5 ähnlich hoch wie in pharmakologischen Studien mit Antidepressiva [1, 2]. Mindful based Cognitive Therapy (MBCT) kann akute Depressionssymptome signifikant reduzieren und bei Patienten mit häufigen Rückfällen wirksamer vor weiteren Rezidiven schützen als eine Standardbehandlung [3, 4]. Achtsamkeit macht aber auch Therapeuten effektiver: In einer randomisierten Studie verbesserte die Soto-Zen-Meditation der Therapeuten die Therapieeffekte bei ihren psychiatrischen Patienten signifikant gegenüber Therapeuten, die nicht meditierten (Abbildung 1) [5].

Abbildung 1

Meditation der Therapeuten reduziert Symptome der Patienten! GSI: Global Severity Index, Teil der Symptom Checklist (SCL-90-R) (nach [5])

Auf Kerntugenden besinnen

Glaubensressourcen für die Therapie zu nutzen, ist längst kein Randthema mehr. Laut Dr. Michael Utsch, Berlin, wird sogar der neue DSM V religiöse und spirituelle Aspekte berücksichtigen. Kerntugenden der Religionen sind therapeutische Potenziale, betonte er, warnte allerdings davor, Rituale und Symbole zu nutzen, wenn Therapeut und Patient nicht dieselbe Religion, dasselbe Weltbild besitzen. Zudem kann es Probleme geben, wenn der Psychotherapeut für den Patient zum Guru wird.

Eine Arbeitsgruppe innerhalb der DGPPN soll jetzt das Gesundheitspotenzial von Spiritualität ausloten und helfen, es in professionelle Behandlungen mit einzubeziehen.

Geister nicht ignorieren

Muslime, auch in Deutschland aufgewachsene, sind häufig tief geprägt von einer eigenen Glaubenswelt, die uns fremd ist. „Der Lack des Westens ist sehr dünn“, betonte Dr. Ibrahim Rüschoff, Wiesbaden. So wird eine psychische Erkrankung oft einem bösen Dschinn zugeschrieben. Das bringt für den Patienten Vorteile: Das Problem wird nach außen verlagert, die Besessenheit von einem Dschinn ist im sozialen Umfeld akzeptiert und erklärt für die Person selbst inakzeptable Träume und Wünsche. Weil Muslime wissen, dass sie mit solchen Vorstellungen bei westlichen Ärzten auf wenig Verständnis stoßen, verschweigen sie sie häufig. Rüschoff ermunterte zu signalisieren, offen für solche Krankheitsdeutungen zu sein. Seiner Erfahrung nach ist eine Psychotherapie möglich, ohne dem Patienten diesen Glauben zu nehmen — auch parallel zur Konsultation eines Imams, der von den Muslimen oft aufgesucht wird. „Holen sie den Patienten ab, wo er steht, wie sie es sonst auch bei der Psychotherapie tun“, rät er, „aber lassen sie ihm seinen Glauben“. Sollte die Behandlung Erfolg haben, wird das zwar gerne dem Imam zugeschrieben, aber damit kann Rüschoff leben.

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© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2012

Authors and Affiliations

  • Friederike Klein

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