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DNP - Der Neurologe und Psychiater

, Volume 13, Issue 1, pp 14–14 | Cite as

Wie effektiv behandeln wir die Schizophrenie wirklich?

  • Friederike Klein
Medizin aktuell
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Abstract

Randomisiert-kontrollierte Doppelblindstudien sind ein Eckpfeiler der evidenzbasierten Medizin. Für den klinischen Alltag geben aber Studien mit unselektierten Patientenpopulationen oft ein realistischeres Bild des Therapieerfolgs ab.

Bereits in der stationären Therapie waren die Remissionsraten in der Greifswalder Schizophreniekatamnese-Studie mit ursprünglich 398 Patienten niedriger und die Therapieresistenz höher als in randomisiert kontrollierten Studien (RCT), berichtete Dr. Jörg Zimmermann, Bad Zwischenahn. Das zeigt, wie wichtig naturalistische Studien sind, die Behandlungseffekte an unselektierten Populationen untersuchen. In Greifswald wurde die Diskrepanz im 2-Jahres-Verlauf sogar noch größer: Je länger die stationäre Therapie zurücklag, umso mehr klafften dokumentierter Therapieerfolg und Angaben aus der Literatur auseinander.

Initiales Ansprechen schlechter

Allerdings werden Zielparameter von Studien auch oft unterschiedlich definiert. So prüften die Autoren der Greifswalder Schizophreniekatamnese vorsichtshalber gleich mehrere Kriterien für das Ansprechen, nämlich die 50-, 40,- 30- und 20 %-ige Abnahme der Gesamtsymptomatik nach dem PANSS. Doch selbst bei der niedrigsten Schwelle (20 % Symptomreduktion nach der PANSS) sprachen nur 63% der Patienten an, bei der 50 %-Schwelle nur etwa ein Viertel (Abbildung 1). Die Medikamentencompliance war seiner Aussage nach nicht Ursache für das relativ schlechte Ansprechen, eher die im Vergleich zu RCT stärker erkrankte Patientenpopulation. So waren in Greifswald Suchtkranke nicht von der Studie ausgeschlossen.

Abbildung 1

Eine 50 %ige Symptomreduktion erreichte in der stationären Therapie in Greifswald nur eine Minderheit (nach Zimmermann J et al. Nervenarzt 2011; 82: 1440–48)

Remission fragil

Die Remission bei Entlassung (35 %) blieb in der Greifswalder Studie im Folgejahr nach der stationären Behandlung nur in etwa einem Drittel der Fälle stabil, ein Drittel der Patienten verschlechterte sich wieder, ein Drittel verbesserte sich. Die Lebensqualität ergab dagegen in dieser Studie ein wesentlich positiveres Bild: Bei Entlassung hatten fast drei Viertel der Patienten eine Remission bezüglich der Lebensqualität* erreicht, nach zwei Jahren waren es 63 %. „Die Patienten fühlen sich besser, als der Psychiater meint, dass sie sich fühlen sollten“, kommentierte Zimmermann. Frustrierend war wiederum der Anteil derjenigen, die eine Genesung („Recovery“) erreicht hatten. Bei Entlassung waren es 18 %, nach zwei Jahren 17 %. Ohne Rückfall blieben innerhalb eines Jahres nur etwa 60 %. Das sei kein allein Greifswalder Phänomen, wie Zimmermann betonte, wenn es auch ein relativ geringeres Angebot an psychosozialen Hilfen im Greifswalder Raum gibt. Seiner Ansicht nach muss bereits die stationäre Therapie darauf abzielen, dem Patienten ein langfristiges, bedürfnisangepasstes Hilfsangebot über alle Schnittstellen unseres sektoralen Gesundheitssystems hinweg zur Verfügung zu stellen. Er verwies in diesem Zusammenhang auf Erfahrungen in Hamburg, wo mit einem „Assertive Community Treatment“ im Rahmen eines Integrierten Versorgungsvertrags bessere Ergebnisse erzielt werden konnten.

Risikofaktoren identifiziert

Auch die Basisstudie Schizophrenie der Ludwig-Maximilians-Universität in München hinterfragte, wie effektiv die eigene Behandlung schizophrener Patienten ist. Anhand der klinischen Basisdokumentation von 200 Patienten ermittelten Dr. Rebecca Schennach-Wolf et al. die Rate der Rückfälle im ersten Jahr nach Entlassung. Kriterien für einen Rückfall waren jegliche psychopathologische Verschlechterungen und eine stationäre Wiederaufnahme. 104 Patienten erlitten danach einen Rückfall, etwa 80 % mussten auch wieder stationär behandelt werden.

Als Prädiktoren für eine Rückfall im ersten Jahr machten die Untersucher ausgeprägte depressive Symptome und Nebenwirkungen der Medikation bei Entlassung aus, außerdem eine negative Einstellung gegenüber der Behandlung und das Fehlen einer regelmäßigen Beschäftigung bei Entlassung — egal ob es sich dabei um eine Tätigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt oder in einer beschützten Werkstätte handelte. Schennach-Wolfs Forderungen lauteten daher: Negativsymptome und depressive Symptome von Beginn an radikal behandeln, Nebenwirkungen engmaschig erfassen und konsequent therapieren sowie rehabilitative Maßnahmen bereits in der akuten Behandlungsphase beginnen. Damit kommen letztlich beide naturalistischen Studien zu demselben Ergebnis: Bereits die stationäre Therapie muss mit Blick auf ein selbstständiges Leben nach Entlassung integriert konzipiert und auf den individuellen Patienten zugeschnitten werden.

* Die Remission der Lebensqualität war definiert als SWN(Subjektives Wohlbefinden unter Neuroleptikabehandlung)-Gesamtwert von 80 und mehr.

Literatur

  1. Sitzung Freie Vorträge: „Psychotische Störungen: Therapie und Verlauf“. DGPPN-Kongress 2011, Berlin, 26.11.2011Google Scholar

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Authors and Affiliations

  • Friederike Klein

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