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Gastro-News

, Volume 5, Issue 6, pp 3–3 | Cite as

Du bist was Du (nicht) isst — oder vielleicht doch Reizdarmpatient?

  • Hubert Mönnikes
editorial
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© tonaquatic / Adobe Stock

Es hat sich sehr viel getan in der letzten Dekade im Verständnis der funktionellen gastrointestinalen Erkrankungen, insbesondere des Reizdarmsyndroms (RDS). Die für die Patienten dunklen Zeiten, in denen sie von Gastroenterologen als eingebildet Erkrankte oder Hypochonder eingeordnet wurden, weil für ihre Symptome sich in der Routinediagnostik keine Erklärung fand, sind spätestens vorbei, seitdem mit wissenschaftlicher Akribie herausgearbeitet wurde, dass diesen Beschwerden konkrete Funktionsstörungen zugrunde liegen, deren Ursachen und Mechanismen sich bis auf molekulare Ebene entschlüsseln lassen. Das hat die Entwicklung von Medikamenten, die gezielt hier ansetzen und RDS-Symptome effizienter bessern, sehr gefördert.

Ähnlich erfreuliche Fortschritte ergeben sich aus der Tatsache, dass in den letzten Jahren zahlreiche Studien über Ernährungsweise und -modifikation geholfen haben, Ursachen und Mechanismen für die Beobachtung von RDS-Patienten zu identifizieren, wonach Nahrungsfaktoren bedeutsame Triggerfaktoren ihrer Beschwerden sind. Dies betrifft insbesondere FODMAP (fermentierbare Oligo-, Di-, Monosaccharide und Polyole) und die Nicht-Zöliakie-Nicht-Allergie-Weizen- und Getreidesensitivität (NZGS). Beiden gemeinsam ist das Dilemma, dass für eine valide Diagnosestellung oft so aufwendige Bemühungen notwendig sind, die zudem die verlässliche Mitarbeit der Patienten erfordern, dass dies nur speziell ausgerichtete Praxen und Kliniken mitsamt ihren Netzwerken gewährleisten können.

Welche diätetische Intervention ist sinnvoll?

Zeitlich parallel dazu scheint das Bestreben nach der „richtigen“ Ernährungsweise, sei es unter der Perspektive der eigenen Gesundheit oder sozialethischer Prämissen, für viele derart an Bedeutung zu gewinnen, dass in kurzen Zeitintervallen eine diätetische Medienwelle die nächste in Zeitungen, Chats und Food Blogs ablöst. Ob Veganismus, Low Carb, Paleo-Diät oder Intervallfasten: „Frei-von-Produkte“ und Segment-Diäten haben den Nimbus von besserer Qualität mit gesteigertem Wohlbefinden und erwecken den Eindruck, gesünder — oder wenigstens hipp zu sein. In dieser Atmosphäre mieden nach Befragung für das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft 12 % der Bevölkerung 2015 Produkte mit Gluten, Laktose oder Fruktose wegen vermeintlicher Unverträglichkeiten oder Allergien.

Die Selbstbeobachtung zahlreicher RDS-Patienten, dass die Ernährungsweise ein wichtiger Einflussfaktor auf ihre Beschwerden ist, nährt bei ihnen die Hoffnung, hierin ihre Leidensursache zu identifizieren und durch diätetische Maßnahmen die Symptomatik beseitigen zu können. Wenn vor diesem Hintergrund, entgegen den naheliegenden Erwartungen, Diagnostik und Therapie nicht zum Erfolg führen, kommen Enttäuschung und Zweifel auf, die sich sowohl auf die Relevanz der eigenen Beobachtungen als auch auf die Richtigkeit von Diagnose und Behandlung beziehen können. Die evidenzbasierte, differenzierte Diagnostik und Behandlung durch Gastroenterologen und deren in der Ernährungsberatung qualifizierten Kooperationspartnern muss deshalb besonders auch das Ziel haben, RDS-Patienten eine valide Antwort auf die Frage zu geben, welche Rolle die Ernährung in der individuellen Genese der Beschwerden spielt, und welche diätetischen Interventionen tatsächlich sinnvoll sind.

Bedarf nach Beratung zu Ernährungsfragen

Wir wissen wenig über die diesbezügliche Realität in deutschen Kliniken und Praxen. Die Ergebnisse der dieses Jahr in den USA erhobenen Umfrage unter Gastroenterologen über ihre diätetische Behandlung von RDS-Patienten lassen sich hierauf zwar nicht direkt extrapolieren, dennoch ergeben sich daraus interessante Hinweise: So unter anderem, dass nur 48 % der Gastroenterologen sich als ausreichend qualifiziert für eine Ernährungsberatung einschätzen (Studienreferat dazu siehe auch Seite 10). Dies spricht dafür, dass die in dieser Ausgabe angebotene zertifizierte Fortbildung über die Diagnostik und Beratung zu Ernährungsfragen beim RDS einem auch in Deutschland noch bestehendem Bedarf entgegenkommt.

Prof. Dr. med. Hubert Mönnikes

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018

Authors and Affiliations

  1. 1.Chefarzt der Klinik für Innere MedizinMartin-Luther-Krankenhausbetrieb GmbH Paul Gerhardt Diakonie gAGBerlinDeutschland

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