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Pneumo News

, Volume 11, Issue 2, pp 3–3 | Cite as

Digitalisierung als Traum oder Trauma

Wohin führt uns der gläserne Patient?

  • Springer Medizin
editorial
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© chombosan / Getty Images / iStock

Herr X, 68 Jahre, lebt allein, stürzt zu Hause die Treppe hinunter und bleibt bewegungslos liegen. Glücklicherweise meldet das in seiner Smartwatch integrierte PDM-System (patient doesn,t move) nach 30 Sekunden den Unfall und die Bewegungslosigkeit des Patienten an die nächstliegende Rettungsleitstelle. Aufgrund der Meldung „bewegungslose Person nach wahrscheinlichem Treppensturz“. Dies wird ermöglicht durch das kurz zuvor auf die Uhr aufgespielte Update mit 3D-unterstützter Trackingfunktion. Das Rettungssystem wird also aktiviert, wenige Minuten später treffen die Sanitäter bei dem Patienten ein.

Zwischenzeitlich wurden — von dem durch die Gesundheitskassen gesponserten, beim Patienten subkutan implantierten Chip — Blutdruckwerte, Herzfrequenz sowie der aktuelle Blutzuckerwert an die Rettungskräfte übermittelt. Beim Eintreffen finden diese den Patienten wie bekannt bewegungslos, aber stabil, mit einer Fraktur des Oberschenkels. Nach Stabilisierung erfolgt die Fahrt mit dem Rettungswagen in die automatisch informierte unfallchirurgische Notaufnahme, wo die entsprechenden Teams alarmiert wurden. Beim Eintreffen wird der Patient direkt vom diensthabenden Unfallchirurgen untersucht, die nötigen radiologischen Leistungen indiziert und nach Diagnosestellung erfolgt die Operation in dem bereits bereitgestellten OP-Saal. Es erfolgte ein primär stabilisierender Eingriff ohne Indikation einer Hüftprothese, das AI-(Artifical Intelligence)Doc-Support-System empfiehlt dies, da nach Algorithmus eine Totalendoprothese bei diesem Patienten nachteilig beurteilt wird.

Digitalisierung ist für viele lukrativ

Diese scheinbar ideale, massiv digital unterstützte Patientenversorgung wird in nicht in allzu ferner Zukunft zur Verfügung stehen. Liest man die entsprechenden Medien, zeigen sich die Unternehmen Google, Apple, IBM etc. massiv investitionsfreudig in diesem Bereich des Gesundheitssystems und werden mit innovativen Konzepten die zukünftige medizinische Versorgung sicher deutlich verändern.

Angesichts unseres Beispiels erscheint es erstrebenswert, bei zunehmender Überalterung der Bevölkerung und wachsender Zahl der Singlehaushalte, derartige Systeme zur sicheren Erfassung und Versorgung von Notfällen zu entwickeln. Ob nun implantierbare Chips, Smartwatches oder Armbänder bzw. Ringe oder was auch immer die Renner werden, das wird sich zeigen, aber die Überwachungssysteme kommen. Dies sieht man heute bereits beim wachsenden Umsatz im Bereich der Fitness-Tracker. Heutzutage tragen auch viele Kollegen/innen Systeme, die es erlauben, Biodaten zu sammeln — und abends die Zahl der zurückgelegten Schritte zu vergleichen.

Univ.-Prof. Felix JF Herth, MD, PhD, Dsc., FCCP, FERS

Medizinischer Geschäftsführer, Chefarzt der Abteilung Innere Medizin, Pneumologie, Thoraxklinik , Universität Heidelberg, Röntgenstr. 1, 69126 Heidelberg felix.herth@med.uni-heidelberg.de

Man sollte sich dem Thema aber frühzeitig und kritisch widmen. Was wollen und brauchen wir und wohin soll die Entwicklung gehen? Man könnte sich den gleichen Patienten mit implantierbaren Biosignalsendern vorstellen, von dem der Kostenträger auch andere Informationen erhält… So meldet der Biosensor den wöchentlichen Alkoholkonsum, das Überschreiten des Limits täglich zugeführter Kalorien, die Zunahme des Body Mass Index und die nicht eingenommenen Blutdrucktabletten, was immer mal wieder vergessen wird. Zunehmendes Tracking von Biosignalen führt unabdingbar auch zu einem Mehr an Überwachung mit allen daraus resultierenden Konsequenzen. Erhebung von Risikozuschlägen bei den Beiträgen, erhöhte Zuzahlungen für den Patienten oder auch den vertraglichen Ausschluss von Gesundheitsleistungen bei ungesundem Verhalten sind nur wenige der möglichen vorstellbaren Folgen.

Wollen wir uns in der Freizeit zuschauen lassen?

Kann man sich diesem Trend verschließen? Ich glaube, die Digitalisierung und die Entwicklung hin zum gläsernen Menschen lassen sich nicht aufhalten. Sicher ist hiermit auch zu viel Geld zu verdienen — und zu sparen. Es bleibt aber letztendlich unserem Umgang überlassen, wie wir diese Daten einsetzen oder ihren Einsatz zulassen. Man kann sich vorstellen, dass einige medizinische Innovationen erfolgen werden, weil sie sinnvoll sind. Man muss sich jedoch ständig der Gefahr der möglichen dauerhaften Überwachung bewusst sein und daher für sich selbst, aber auch als nutzender Arzt entscheiden, welche Informationen aus dem Leben preisgegeben werden. Die Vorstellung, dass mein Gesundheitsprovider weiß, mit welchen Kollegen ich wo und wieviel Bier trinke, lässt ein ungutes Gefühl zurück…

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Authors and Affiliations

  • Springer Medizin

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