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Pädiatrie

, Volume 31, Issue 5, pp 59–59 | Cite as

Nachgefragt

„Wir empfehlen die allergologische Abklärung in jeder Altersstufe“

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Medizin aktuell Leitlinie im Fokus
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Eine Betalaktamallergie kann nur durch die allergologische Diagnostik sicher bestätigt werden. Die S2k-Leitlinie „Diagnostik bei Verdacht auf eine Betalaktamantibiotika-Überempfindlichkeit“ empfiehlt im Verdachtsfall Abklärung. Ein Gespräch mit der Erstautorin über die Ziele der Leitlinie.

„Bis auf wenige Ausnahmen gelten für Kinder grundsätzlich die gleichen diagnostischen Algorithmen wie im Erwachsenenalter.“

Dr. med. Gerda Wurpts

Erstautorin der Leitlinie und Fachärztin an der Klinik für Dermatologie und Allergologie, Universitätsklinik RWTH Aachen

©Thome

? Der Leitlinie zufolge sollte jede Überempfindlichkeitsreaktion auf Betalaktamantibiotika abgeklärt werden. Soll tatsächlich jeder Patient mit leichtem Hautausschlag nach der Behandlung zum Allergologen überwiesen werden?

Dr. Gerda Wurpts: Wir empfehlen die allergologische Abklärung in jeder Altersstufe, zum einen zum Schutz der Allergiker, zum anderen um Patienten, bei denen sich der Verdacht nicht bestätigt, die unnötige Meidung wichtiger Medikamente zu ersparen. Viele Menschen hatten in der Kindheit einen leichten Hautauschlag im Rahmen einer Penicillingabe und leben seit dieser Zeit mit der Diagnose einer Penicillinallergie. Um zu verhindern, dass diesen Personen ihr Leben lang eine große Antibiotikagruppe vorenthalten bleibt, ist es wichtig, durch eine allergologische Diagnostik die Allergiker von den Nichtallergikern zu unterscheiden und bei den Allergikern die Allergie möglichst genau einzugrenzen.

? Angenommen, ein Patient benötigt dringend ein bestimmtes Antibiotikum, berichtet aber über frühere Unverträglichkeiten. Was empfehlen Sie dem behandelnden Arzt, wenn keine Zeit für eine allergologische Abklärung bleibt?

Wurpts: Bislang ist das Vorgehen häufig so, dass den anamnestischen Pencillinallergikern entweder die gesamte Gruppe der Betalaktamantibiotika versperrt bleibt oder die angegebene Penicillinallergie eingeschränkte Beachtung erfährt. Wir empfehlen, die damalige allergische Reaktion im ersten Schritt gemäß der Krankengeschichte des Patienten einzuordnen. Im Falle einer schwerwiegenden Reaktion wie der eines Stevens-Johnson-Syndroms bleibt in dem Moment nur die Meidung der gesamten Gruppe. Im Falle einer leichten, benignen kutanen Spätreaktion wird empfohlen, sofern ein Betalaktamantibiotikum die erste Wahl darstellt, das Risiko einer erneuten Reaktion durch den Wechsel zu einer Gruppe mit möglichst geringem Kreuzreaktivitätsrisiko zu reduzieren und das Präparat direkt in therapeutischer Dosierung zu geben — natürlich unter Aufklärung des Patienten. Die Kenntnis der Kreuzreaktivitäten ist wichtig, um das Risiko für eine erneute Reaktion zu verringern. Hierauf gehen wir in der Leitlinie genauer ein. Wenn die Patienten jedoch berichten, eine Sofortreaktion gehabt zu haben, oder eine Einordnung nicht möglich ist, empfehlen wir, wenn die Gabe eines Betalaktamantibiotikums indiziert ist, ebenfalls ein Präparat mit möglichst geringer Kreuzreaktivität zu wählen, aber die Erstgabe schrittweise im Sinne einer Arzneimittelprovokationstestung durchzuführen. In jedem Fall muss eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung erfolgen.

? Für Patienten mit verdächtiger Anamnese soll zunächst ein Hauttest erfolgen, am besten innerhalb eines Jahres. Warum ist dieser Zeitraum wichtig?

Wurpts: Die Sensitivität der Hauttestung nimmt insbesondere bei Sofortreaktionen mit der Zeit ab. Um eine möglichst gute Aussagekraft zu erreichen, ist daher die Testung innerhalb des ersten Jahres zu empfehlen. Sollte diese Zeit überschritten sein, was sehr häufig der Fall ist, wird trotzdem getestet. Der durchführende Arzt muss sich bei der Bewertung der Befunde dieser Veränderungen in der Testsensitivität aber bewusst sein.

? Bei unklarem oder negativem Hauttestbefund wird der Provokationstest empfohlen. Warum kann er bei Kindern gegebenenfalls auch ohne vorherigen Hauttest durchgeführt werden?

Wurpts: Von Seiten der Kinderärzte gibt es die Empfehlung, im Falle eines „benign rash“ eine Provokationstestung ohne vorherige Hauttestung durchzuführen. Hierfür gibt es mehrere Gründe: Kinder tolerieren die Hauttestungen teils schlechter als Erwachsene, sie haben sehr häufig unspezifische Hautausschläge im Rahmen der zahlreichen Infekte im Kindesalter und das zur Verfügung stehende Antibiotikaspektrum ist geringer als im Erwachsenenalter. Wichtig ist, dass diese Empfehlung nur den „benign rash“, das heißt das unkomplizierte makulopapulöse Exanthem betrifft, welches keine Schleimhautbeteiligung oder Blasenbildung zeigt, nur mit leichtem bis mäßigen Pruritus einhergeht, ohne Reduktion des Allgemeinzustands und in der Regel innerhalb weniger Tage spontan und vollständig rückläufig ist. Grundsätzlich gelten für Kinder, bis auf wenige Ausnahmen, die gleichen diagnostischen Algorithmen wie im Erwachsenenalter.

? Warum wird die In-vitro-Diagnostik nicht für alle Patienten empfohlen?

Wurpts: Es ist sehr gut, dass wir die Möglichkeit der In-vitro-Diagnostik haben, insbesondere, um bei Patienten, die schwere Reaktionen hatten, das Risiko der Testung zu reduzieren. Die Labordiagnostik ist jedoch häufig nicht ausreichend sensitiv, teils nicht hinreichend standardisiert, sie kann nur in Zentren erfolgen und das Spektrum der Testsubstanzen ist eingeschränkt. Insbesondere die zelluläre In-vitro-Diagnostik ist zudem kosten- und zeitaufwendig.

! Vielen Dank für das Gespräch.

Literatur

  1. Das Interview führte Dr. Christine Starostzik.Google Scholar

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