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Pädiatrie

, Volume 31, Issue 4, pp 43–43 | Cite as

Der traurige Klassenclown

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Fortbildung
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Prof. Dr. med. Walter Dorsch Kinder- und Jugendarzt München

Prof. Dr. phil. Klaus Zierer Ordinarius für Schulpädagogik Universität Augsburg

? Die getrennt lebenden Eltern kommen gemeinsam mit ihrem 12-jährigen Sohn in die Sprechstunde. Seitdem er vom Gymnasium in die Realschule wechseln musste, spielt er dort den Klassenclown, es hagelt Verweise und Verwarnungen. Ein erneuter Schulwechsel ist angedacht. Macht das Sinn?

! Prof. Dorsch: Es gibt viele Ursachen für auffälliges Verhalten. Meist ist es das Buhlen um soziale Anerkennung, die Kinder und Jugendliche dafür empfänglich macht, die generell eher undankbare Rolle des Klassenclowns zu übernehmen. Bei genauerem Hinhören erfährt der Kinderarzt von den Eltern, dass der Junge mit der Trennung zunächst gut zurechtgekommen sei, der Vater ihm aber sehr fehle. Weiterhin sei der forcierte Wechsel in das Gymnasium misslungen, der Junge habe deshalb in die Realschule wechseln müssen. Dort habe er bisher keinen eigenen Freundeskreis aufbauen können, er sei im Gegenteil häufiger Opfer einer Gruppe rabiater Klassenkameraden geworden. Diese hätten ihn zu Streichen angestiftet, wodurch er beinahe täglich den Unterricht störe.

In dieser Situation ist ein Schulwechsel natürlich die schlechteste aller Möglichkeiten. Zunächst muss das Gespräch mit den Lehrkräften gesucht werden, die einerseits mit Verständnis, andererseits mit Klarheit für regelkonformes Verhalten sorgen müssen. Vor allem die Eltern können das Selbstbewusstsein des Buben und damit seine emotionale Widerstandskraft (Resilienz) stärken. Er benötigt wesentlich mehr als bisher das Gefühl, ernstgenommen und wertgeschätzt zu werden. Vielleicht ist er dann nicht mehr darauf angewiesen, sich mit unsinnigen Albernheiten in der Schule beliebt zu machen. Seine Eltern können ihm diese innere Sicherheit durch Empathie, freundliche Akzeptanz und wirksame Kommunikation vermitteln. Sie können ihn sicher auch dabei unterstützen, neue Freunde zu gewinnen (Sportverein, Einladungen u. a.). Genügt das nicht, muss ein Psychotherapeut hinzugezogen werden. Disziplinarmaßnahmen allein werden kaum nützen.

! Prof. Zierer: Schulwechsel können eine negative Wirkung auf die schulische Leistung von Kindern und Jugendlichen haben. Allein deswegen sollte ein Wechsel nur in Betracht gezogen werden, wenn es keine andere Wahl gibt, zum Beispiel, wenn Eltern berufsbedingt umziehen müssen.

Auffälliges Verhalten, wie im beschriebenen Fall, sollte nicht als Grund für einen Wechsel dienen. Denn er setzt nicht bei den Ursachen an und löst nicht die Probleme. Im Wesentlichen sind es hier zwei Aspekte, die zusammenwirken: Erstens ist es für Kinder immer eine Herausforderung, wenn sich Eltern trennen. Zweitens ist es für Heranwachsende meist schwierig, sich in einer neuen Schule zurechtzufinden. Dies gilt bereits für den Wechsel von der Grund- in eine weiterführende Schule: Plötzlich zählt man wieder zu den Kleinen, man bekommt neue Klassenkameraden und Lehrpersonen und unter den Gleichaltrigen beginnen Rollenfindungsprozesse.

Diese Faktoren werden zusätzlich verschärft, wenn man in einer Schulart scheitert. Denn dann gilt es nicht nur, die neue Situation in den Griff zu bekommen, sondern auch das eigene Scheitern zu verarbeiten. Nicht selten führt das zu Überforderungen, Kinder mutieren dann häufig zum Klassenclown. Dieses Verhalten ist ein Hilferuf: Kinder brauchen in diesen Lebensphasen ein offenes Ohr und Zuneigung. Das Selbstwertgefühl wird von verschiedenen Seiten angegriffen und es ist eine der dringlichsten Aufgaben von Eltern, es zu stärken. Gelingt dies nicht, sind weitere Schwierigkeiten wie Schulabsentismus nicht mehr weit. Machen Sie also Eltern auf die Notwendigkeit aufmerksam, in dieser Situation mit dem Kind Zeit zu verbringen und ihm zuzuhören. Hilfreich kann es hierbei sein, neue Klassenkameraden einzuladen, um den sozialen Anschluss in der Schule zu unterstützen. Auch ein Gespräch mit den Lehrern ist angeraten. Was Sie nicht empfehlen sollten: Kinder mit Geschenken zu überhäufen. Zwar sind diese dann abgelenkt, aber die Probleme werden so nicht gelöst.

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