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Pädiatrie

, Volume 31, Issue 2, pp 70–70 | Cite as

Nichtinvasive Pränataltests

„Warum sollen wir nicht leben?“

  • Anja Sokolow
Praxis konkret
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Mit einem Bluttest können Schwangere die Wahrscheinlichkeit eines Down-Syndroms bei ihrem Kind berechnen lassen. Der GBA will diesen zur Kassenleistung für Risiko-Schwangere machen. Verbände befürchten dadurch noch mehr Abtreibungen.

Bluttests bieten seit einigen Jahren die höchste Treffsicherheit, wenn es darum geht, die Wahrscheinlichkeit für ein Down-Syndrom bei Ungeborenen zu berechnen, ohne das Kind dabei zu gefährden. Geplante kostenlose Bluttests dieser Art könnten Experten zufolge zu mehr Abtreibungen führen. „Wir befürchten, dass künftig weniger Kinder mit Down-Syndrom zur Welt kommen als bislang“, sagte die Geschäftsführerin des Deutschen Down-Syndrom InfoCenters, Dr. Elzbieta Szczebak, anlässlich des Welt-Down-Syndrom-Tags am 21. März.

Die Einrichtung gehört zu einem Bündnis von Organisationen, das sich gegen Pläne des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA) ausgesprochen hat, Bluttests für Risiko-Schwangere zur Kassenleistung zu machen. Dazu zählen unter anderem Frauen ab 35 Jahren.

Die Deutsche Gesellschaft für Pränatal- und Geburtsmedizin (DGPGM) hält die Pläne aus „Gründen der Gerechtigkeit“ für richtig. „So gibt es kein Gefälle mehr zwischen den Schwangeren, die sich den Test leisten können und denen, die ihn nicht bezahlen können“, sagte der Präsident Prof. Dr. Dieter Grab. Bislang müssen Schwangere den rund 130 Euro teuren Bluttest meist selbst zahlen. Und sie tun es häufig: Die LifeCodexx AG — der erste Anbieter — hat eigenen Angaben zufolge seit 2012 in Deutschland rund 75.000 vom sogenannten PraenaTest® verkauft.

„Es ist davon auszugehen, dass künftig deutlich mehr Frauen einen solchen Test machen werden. In der Summe wird es schon so sein, dass mehr Frauen einen Schwangerschaftsabbruch durchführen lassen“, schätzt auch der Münchner Gynäkologe Grab. Demnach entscheiden sich derzeit etwa 10 % der Schwangeren bewusst für ein Baby mit Down-Syndrom (Trisomie 21). 90 % der Kinder kommen nicht zur Welt.

Hohe Treffsicherheit

Voraussichtlich im Spätsommer will der GBA entscheiden, ob die Leistung in den Katalog der GKV aufgenommen werden soll.

Für die Tests wird den Schwangeren ab der 11. Woche Blut abgenommen. Anhand der darin enthaltenen Chromosomenteile des Kindes oder der Plazenta kann unter anderem die Wahrscheinlichkeit berechnet werden, mit der das Kind mit Down-Syndrom auf die Welt kommen würde. Mit einer Treffsicherheit von 99 % gilt dieses Verfahren als sicherer als das Erst-Trimester-Screening mit einer Quote von 95 %. Dabei wird der Fetus in der 11.–14. Schwangerschaftswoche mit einem Ultraschallgerät vermessen, zusätzlich werden bestimmte Blutwerte der Mutter analysiert.

Lange ließ sich während der Schwangerschaft nur mit einer Amniozentese feststellen, ob das Kind eines seiner Chromosomen drei- statt zweifach besitzt. Bei unklaren Befunden nach Bluttests oder Erst-Trimester-Screenings empfehlen die Ärzte diesen Test zur Absicherung weiterhin. Auch ein Trisomie-Befund nach den nichtinvasiven Verfahren müsse durch eine Fruchtwasseruntersuchung bestätigt werden, erläutert der Berliner Pränataldiagnostiker Dipl.-Med. Holger Janke.

„Insgesamt ist der Bluttest dennoch kritisch zu betrachten“, gibt DGPGM-Präsident Grab zu bedenken. „Man sucht damit ja lediglich nach den Trisomien 13, 18 und 21. Alles andere, was es an Entwicklungsstörungen gibt, würde unter den Tisch fallen“, warnt er. „Man darf nicht glauben, dass mit dem Bluttest die gesamte pränatale Diagnostik erledigt ist. Er ist kein Ersatz für normalen Standard der Überwachung“, ergänzt er.

Grab weist auch auf ein ethisches Problem hin: „Man entdeckt die Trisomie 21 damit noch häufiger. Das muss einem bewusst sein.“ Andererseits müsse aus seiner Sicht jedes Paar selbst entscheiden dürfen, ob es sich in der Lage fühlt, ein Kind mit schwerwiegenden Entwicklungsdefiziten aufzuziehen. Bei den Chromosomenstörungen 13 und 18 geben die Fachärzte Kindern keine Chancen — anders als bei der Trisomie 21.

Test wirft ethisches Problem auf

Die Down-Syndrom-Organisationen warnen davor, dass die Angst vor Behinderung noch verstärkt werde und Menschen mit Beeinträchtigungen in der Gesellschaft als „vermeidbar“ und nicht willkommen bewertet würden. Eltern von Kindern mit Behinderung gerieten immer stärker unter Rechtfertigungsdruck — nach dem Motto: Ihr hättet es doch wissen können, wie Szczebak sagt. „Auch viele Menschen mit Down-Syndrom sind sehr besorgt. Sie fragen: ‚Warum sollen wir nicht leben?‘“ Sie fordert, das Beratungs- und Hilfsangebot für Schwangere viel stärker auszubauen. Bislang sei die Beratung Schwangerer oft defizitorientiert. „Ärzte sagen ihnen oft sofort: Sie müssen das Kind nicht bekommen.“ Diese Sichtweise müsse sich ändern, sagt die Familienberaterin.

101.000 Schwangerschaftsabbrüche gab es laut Statistischem Bundesamt im vorigen Jahr deutschlandweit. In 3.800 Fällen lag eine medizinische Indikation vor — etwa eine hohe psychische Belastung der Frau wegen der Trisomie ihres Kindes.

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Authors and Affiliations

  • Anja Sokolow
    • 1
  1. 1.

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