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Pädiatrie

, Volume 30, Issue 6, pp 16–16 | Cite as

Identifizierung genetischer Ursachen für mentale Retardierung

  • Martin Claßen
Literatur kompakt
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Genetische Methoden haben in jüngster Zeit die Möglichkeiten einer definitiven Diagnosestellung bei Kindern mit Verdacht auf syndromale Erkrankungen revolutioniert. Diese Methoden ermöglichen es, bei vielen Kindern mit mentaler Retardierung die Ätiologie aus den 5.200 bekannten genetischen Ursachen zu finden.

Dr. med. Martin Claßen, Bremen

Für die genetische Analyse spezieller Krankheitsbilder stehen verschiedene Methoden zur Verfügung. Eine Metaanalyse von Forschern aus San Diego und Melbourne verglich eine länger etablierte Technik der chromosomalen Mikroarray-Analyse (CMA) mit der Sequenzierung aller Exome („whole exome sequencing“, WES) und der des gesamten Genoms („whole genome sequencing“, WGS).

Die Analyse umfasste 37 Publikationen mit insgesamt 20.068 Kindern. Daraus resultierend zeigte sich die diagnostische Wertigkeit von WGS (0,41) und WES (0,36) signifikant höher als CMA (0,10). Die Differenz zwischen WGS und WES war nicht signifikant. Allerdings war die Wahrscheinlichkeit, dass eine Diagnose erstellt werden konnte, bei WGS und WES höher, wenn auch die Eltern mituntersucht wurden (Trio-Sequenzierung). Bei der Interpretation der Ergebnisse waren solche von Klinik-assoziierten Labors treffsicherer als die aus separaten Labors. Die besten Ergebnisse erbrachte die Kombination Trio-WES/WGS in einer Krankenhaus-assoziierten Interpretation.

Kommentar

Die Zeiten, in denen erfahrene Pädiater und Genetiker gemeinsam subtil alle Auffälligkeiten von Kindern mit „V. a. Syndrom“ registriert, eingeordnet und dann eine Verdachtsdiagnose generiert haben, scheint endgültig vorbei. Künstliche Intelligenz wird aus Symptomlisten die möglichen Diagnosen herausfiltern, die Genetiker werden das gesamte Genom auf Auffälligkeiten analysieren. Durch den Abgleich mit dem Genom der Eltern gelingt es, harmlose Polymorphismen von relevanten Mutationen zu trennen (auch wiederum nur mittels leistungsfähiger Computer).

Der Artikel zeigt, dass die Trio-WES/WGS-Sequenzierung das leistungsfähigste Werkzeug ist, immer noch aber erhebliche Kosten verursacht. Mit dessen Hilfe kann manchen Familien eine diagnostische Odyssee, den Kindern unnötige Untersuchungen erspart und somit manchmal eine gezielte Therapie eingeleitet werden. Dennoch müssen ethische Aspekte immer berücksichtigt werden inklusive des Rechtes auf Nicht-Wissen der genetischen Ursache einer Erkrankung.

Und am Ende bleibt dennoch ein wenig Wehmut, dass klinisch-ärztliche Erfahrung schrittweise weiter in den Hintergrund gedrängt wird. Ein kleiner Trost kann die Tatsache sein, dass bei der Interpretation der Ergebnisse die klinische Expertise offensichtlich weiterhin hilfreich ist.

Literatur

  1. Clark MM et al. Meta-analysis of the diagnostic and clinical utility of genome and exome sequencing and chromosomal microarray in children with suspected genetic diseases. NPJ Genom Med. 2018;3:16CrossRefPubMedCentralGoogle Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018

Authors and Affiliations

  • Martin Claßen
    • 1
  1. 1.

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