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Kritik am geplanten Kaiserschnitt

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    Gibt es aus Perspektive von Kindern eine medizinisch begründete Rationale für geplante Kaiserschnittentbindungen? Beim Perinatologie-Kongress in Berlin war davon nichts zu hören - im Gegenteil. Per Kaiserschnitt entbundene Kinder haben in den ersten acht Lebensjahren häufiger Gesundheitsprobleme als vaginal entbundene Kinder. Das hat der aktuelle Kindergesundheitsreport der Techniker Krankenkasse ergeben, der von Referenten beim Kongress immer wieder zitiert worden ist: häufigere Infektionen, mehr chronische Bronchitiden, Mangelernährung und Entwicklungsstörungen. Jedoch ist der Report bei weitem nicht die einzige Quelle, die eine geplante Sectio medizinisch oft fragwürdig erscheinen lassen, wie der Neonatologe Prof. Dr. Dominique Singer vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf deutlich machte.

    So verläuft die Kolonisation mit Mikroorganismen unmittelbar nach der Geburt offenbar völlig anders, und zwar in Abhängigkeit davon, ob per Sectio oder spontan entbunden wurde, wie eine aktuelle britische Studie ergeben hat. Störungen dieser Kolonisationsphase werden mit Krankheiten in der Kindheit und im weiteren Leben in Verbindung gebracht, wenngleich die zugrundeliegenden Mechanismen unklar sind.

    Singer zitierte eine weitere Studie aus Großbritannien, aus der hervorgeht, dass per Sectio Reifgeborene häufiger als vaginal entbundene Kinder an obstruktiven Atemwegserkrankungen leiden. Daten aus dem dänischen Geburtenregister bestätigen, dass Asthma jenseits des fünften Lebensjahres signifikant häufiger auftritt. Auffällig war zudem das gehäufte Auftreten chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen und weiterer immunologisch bedingter Krankheiten.

    Weiterhin besteht eine verstärkte Neigung zu Adipositas. Dabei sei bereits die Tatsache herausgerechnet, dass übergewichtige Patientinnen häufiger per Kaiserschnitt entbinden und häufiger Kinder bekommen, die ebenfalls übergewichtig sind, sagte Singer. "Der Trend zum Übergewicht setzt bereits im Säuglingsalter ein."

    Andere Wissenschaftler haben herausgefunden, dass sich die Schreimelodie von per Sectio entbundenen Kindern von jener von spontan entbundenen Säuglingen unterscheidet. "Das deutet darauf hin, dass offensichtlich das Stresserleben unter der Geburt ein anderes ist", erklärte Singer. Vermutlich rufe dieses Stresserleben eine epigenetische Prägung hervor. Das passt zu einer kürzlich veröffentlichten Metaanalyse bei 20 Millionen Patienten, wonach es eine Assoziation zwischen Kaiserschnitt und Krankheiten aus dem Autismusspektrum sowie ADHS gibt.

    Andere Studien haben Verbindungen zwischen Sectio und kognitiver Entwicklung festgestellt. "Der Effekt des Kaiserschnitts ist besonders ausgeprägt, wenn die Mutter anschließend das Kind nicht stillt", sagte Singer. Durch konsequentes Stillen könne man offenbar nachteilige Effekte des Kaiserschnitts abschwächen. Womöglich, weil sich dann das physiologische Mikrobiom rascher aufbaut, vielleicht aber auch weil damit die emotionale Bindung zwischen Mutter und Kind gefestigt wird.

    Dr. Thomas Meißner

    Singer D. Krankheiten von Kindern nach Kaiserschnitt - was ist alles dran?

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    Kritik am geplanten Kaiserschnitt. gynäkologie + geburtshilfe 25, 39 (2020). https://doi.org/10.1007/s15013-020-2984-2

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