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gynäkologie + geburtshilfe

, Volume 24, Issue 1, pp 51–51 | Cite as

Alles was Recht ist

Leitlinien in der Rechtspraxis

  • Martin Sebastian Greiff
Praxis konkret

In Arzthaftungsprozessen stellt sich immer wieder die Frage, welche Bedeutung die Leitlinien einnehmen, die von Fachverbänden herausgegeben werden. So auch in dem beschriebenen Rechtsfall.

Dr. Martin Sebastian Greiff stellt in dieser Rubrik gerichtliche Entscheidungen aus dem Bereich der Gynäkologie und Geburtshilfe vor.

© Martin S. Greiff

Die Klägerin machte Schadensersatzansprüche nach abdominaler Hysterektomie geltend, die bei familiärer Krebsvorbelastung wegen einschlägiger Befunde im Anfangsstadium erfolgte. Postoperativ beklagte sie Beschwerden streitigen Ausmaßes. Der Beklagte bemerkte ein etwas klopfschmerzhaftes Nierenlager rechts und in einer Sonografie einen Nierenstau ersten Grades rechts. Nach einer Verlegung wurde eine Verziehung des Harnleiters mit Engstelle festgestellt. Es bestand der Verdacht, dass er durch eine Naht teils miterfasst worden sein könnte, sodass retrograd eine Harnleiterschiene eingebracht wurde.

So sah das Gericht den Fall

Das Landgericht Kassel wies die Klage der Patientin, die von einer vorwerfbaren Ureterverletzung und deren auch noch zu später Entdeckung ausging, kostenpflichtig ab (Urt. v. 2.5.2018, Az. 2 O 2107/16), da nach Überzeugung der Kammer keine Versäumnisse festzustellen waren. Der Sachverständige, Direktor einer gynäkologischen Universitätsklinik, hatte nach Auswertung aller Unterlagen keine Fehler bestätigen können. Die Operation sei sehr sorgfältig erfolgt, der Zugangsweg aufgrund der Umstände (u. a. Voroperationen) zutreffend gewählt worden. Es bleibe stets schicksalhaftes Komplikationsrisiko, dass gerade die Ureteren bei solchen Situationen besonders gefährdet seien und trotz fachgerechten Handelns Beeinträchtigungen nicht immer vermieden werden könnten. Vor allem auch eine vermeintliche Präparation um jeden Preis und im größeren Umfang, wie sie von vielen beim Blick in die mittlerweile abgelaufene S1-Leitlinie „Operationsbedingte Verletzungen des Ureters in der Gynäkologie und Geburtshilfe“ der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e. V. (AWMF) schnell und leicht nach Ureterverletzungen gefordert wird, sei nicht immer sinnvoll, da gerade durch Freipräparation der Ureteren bis zum Eintritt in die Blase häufig mehr Komplikationen entstehen könnten als ohne diese Maßnahme. Eine routinemäßige Ureterpräparation ohne konkrete intraoperative Indikation sei nicht notwendig und eventuell gar kontraindiziert, da sich das Verletzungsrisiko vervielfache. Vielmehr reiche dann, wie auch vorliegend, wenn der Harnleiter durch Betupfen auf seine Peristaltik überprüft werde. Wenn er „normal wurme“ sei die Peristaltik intakt und eine Freilegung der Ureteren nicht zu fordern. Zudem könne man praktisch während der gesamten Operation auf die Harnleiter schauen und bekäme selbst durch ihr Freilegen keine 100%ige Garantie, dass sie nicht verletzt würden. Auch das sonstige Handeln wertete der Gutachter als korrekt. Zusätzliche intraoperative Befunderhebungen (Blaufärbetest etc.) waren nicht routinemäßig indiziert, da kein Verdacht auf eine Harnleiterverletzung entstanden war und auch nicht entstehen musste. Auch das postoperative Verhalten wurde als fachgerecht bewertet, da die Komplikation im Vergleich zu anderen Verläufen sehr schnell entdeckt und versorgt worden war.

Was bedeutet das Urteil für den klinischen Alltag?

Die AWMF formuliert selbst zur Verbindlichkeit von Leitlinien zurückhaltend, dass sie „systematisch entwickelte Entscheidungshilfen über die angemessene ärztliche Vorgehensweise bei speziellen gesundheitlichen Problemen (...), wissenschaftlich begründete und praxisorientierte Handlungsempfehlungen (...)“ seien, in dem Sinne „Orientierungshilfen im Sinne von Handlungs- und Entscheidungskorridoren, von denen in begründeten Fällen abgewichen werden kann oder sogar muss.“ (vgl. Bergmann, BADK-Information 2003, S. 125). Literatur und Rechtsprechung sind hierzu auch nicht ganz einheitlich. Mal wird mehr, mal weniger der verbindliche Charakter einer Leitlinie betont, wobei natürlich deren Evidenzgrad gewichtet werden muss. Demnach können Leitlinien den Standard eines Fachbereichs für bestimmte Situationen gegebenenfalls zutreffend beschreiben, mitunter aber auch hinter ihm zurückbleiben oder ihn in bestimmten Fällen nicht exakt treffen. Leitlinien sind deshalb nicht unbesehen mit einem vermeintlich allein und ausschließlich fachgerechten Handeln gleichzusetzen und können nie die Einholung eines Gutachtens ersetzen. Ein gutes Beispiel dafür sind das obige Urteil und die erwähnte S1-Leitlinie, zumal es sich bei letzterer um eine vornehmlich forensische Hilfestellung für Gutachter handeln sollte, die mit solchen Fällen befasst sind.

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Authors and Affiliations

  • Martin Sebastian Greiff
    • 1
  1. 1.MünchenDeutschland

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