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gynäkologie + geburtshilfe

, Volume 23, Issue 6, pp 59–59 | Cite as

Alles was Recht ist

Gynefix auf Abwegen

  • Martin Sebastian Greiff
Praxis konkret
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Moderne Verhütungsmethoden sind gemeinhin verlässlich und weit verbreitet. Trotzdem kann es in seltenen Fällen zu Komplikationen kommen.

Die Klägerin hatte die Gynäkologin erstmalig aufgesucht, um sich über die von ihr favorisierte „Gynefix“-Kupferkette als Mittel zur Empfängnisverhütung beraten zu lassen. Körperliche und sonografische Untersuchung ergaben keine Befunde, die gegen deren Einlage sprachen. Deshalb führte man ein Aufklärungsgespräch und gab einen Aufklärungsbogen aus, in dem das Gespräch wiederholend unter anderem stand, dass ,,trotz richtiger Lage die Spirale selten auch noch nach längerer Zeit die Gebärmutter durchwandern (Perforation) und so in die Bauchhöhle gelangen kann. Sie muss dann operativ entfernt werden.“ Im Übrigen war beschrieben, dass ,,es durch die Instrumente oder beim Einlegen der Spirale zu Blutungen oder zur Verletzung des Muttermundes oder der Gebärmutterwand kommen kann. [...] In Einzelfällen (wenn etwa die Gebärmutterwand versehentlich durchstoßen wird) kann die Gabe von Antibiotika und eine operative Behandlung zur Entfernung der Spirale erforderlich werden“. Die Klägerin unterschrieb den Bogen zu Hause und wünschte bei der zweiten Vorstellung nach erneuter Aufklärung die Gynefix-Einlage. Die erste Gynefix saß zu locker, woraufhin eine neue eingesetzt wurde. Ein erneuter Probezug und eine Sonografie bestätigten deren richtigen Sitz. Etwa drei Wochen später kam die Klägerin wegen Stechens im Unterbauch. Palpatorisch und sonografisch war die Gynefix nicht mehr darstellbar, sodass eine Überweisung ins Krankenhaus mit Verdacht auf intraabdominale Dislokation erfolgte. Die Klägerin rügte eine fehlerhafte Einlage, da die Gynefix nun operativ entfernt werden musste. Zudem sei die Aufklärung ungenügend gewesen, weil nicht ausreichend gesagt worden sei, dass es zu Komplikationen auch schon im Zuge des Einsetzens oder kurz danach kommen könne. Sämtlichen Vorwürfen trat die Beklagte detailliert entgegen.

„Dr. Martin Sebastian Greiff stellt in dieser Rubrik gerichtliche Entscheidungen aus dem Bereich der Gynäkologie und Geburtshilfe vor.“

© Martin S. Greiff

So sah das Gericht den Fall

Das Landgericht Frankfurt a. M. (Urt. v. 18.10.2018, 2-14 O 127/16) wies die Klage nach der Beweisaufnahme ab. Laut eindeutigen Ausführungen des Sachverständigen waren Behandlungsfehler nicht erkennbar, im Gegenteil sei die Beklagte sehr sorgfältig gewesen. Die Annahme, dass es zur Dislokation bei fachgerechtem Handeln nicht kommen könne, sei falsch. Es handle sich um ein schicksalhaftes Komplikationsrisiko; dies gelte für unmittelbare Perforationen der Gebärmutter bei der Einlage sowie spätere Dislokationen. Außerdem konnte die Beklagte ihre Kompetenz und fachliche Erfahrung auch noch durch den Erwerb eines speziellen Zertifikats bezüglich der Gynefix-Einlage bekräftigen. An ihrer Sorgfalt blieben nach Auswertung der Unterlagen „keine vernünftigen Zweifel“. Dem standen auch aus dem Kontext gerissene Auszüge aus Büchern wie „Verhüten ohne Hormone“ oder dem Blog „Doc Dodo antwortet“ nicht entgegen. Gleichfalls war die Aufklärung lege artis, zumal zwei Aufklärungsgespräche, die Unterzeichnung des Aufklärungsbogens und sogar der Gesprächsinhalt weithin unstreitig waren. Abgesehen davon, dass die Beklagte bei ihrer Anhörung auch noch glaubhaft darlegte, dass sie durchaus das Risiko unmittelbarer Komplikationen benannt und nicht etwa nur über Risiken der Dislokation „nach Jahren“ gesprochen habe, folgte das Gericht schon nicht der Argumentation, wonach der Klägerin zwar bewusst gewesen sei, dass die Kette die Gebärmutter „durchwandern“ könne, sie all das aber so interpretiert habe, dass sich dies nur auf einen längerfristigen Zeitraum beziehen könne.

Was bedeutet das Urteil für den klinischen Alltag?

Die Klage war ursprünglich beim Amtsgericht rechtshängig gewesen. Im frühen ersten Termin sah die Richterin dort den Fall, auch angesichts angedeutet eigener Negativerfahrungen, „sehr problematisch“ für die Beklagte und drängte auf einen Vergleich. Da die Beklagtenseite dem nicht folgte, gerade die Aufklärungsrüge sogar unschlüssig erschien, wich die Richterin einem sonst gegebenenfalls sogar erwogenen Befangenheitsantrag kurzerhand aus, indem der Streitwert „aus eigener Erfahrung“ über die Forderungen der Klägerin hinaus angehoben wurde, sodass fortan die Zuständigkeit des Landgerichts gegeben war. Die Beweisaufnahme brachte dann das klare Ergebnis, woran sich einmal mehr zeigt, dass man anwaltlich gut vertreten und beraten mitunter auch einmal vermeintlich „erfahrenen richterlichen Einschätzungen“ deutlich entgegentreten muss, um sein Recht und seine Position auch durchzusetzen.

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© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018

Authors and Affiliations

  • Martin Sebastian Greiff
    • 1
  1. 1.MünchenDeutschland

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