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gynäkologie + geburtshilfe

, Volume 23, Supplement 1, pp 15–15 | Cite as

Nachgefragt

„Das Wichtigste ist: kein Ehrgeiz!“

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Im Blickpunkt
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? Herr Prof. Klockenbusch, welches Maß an körperlicher Aktivität ist in der Schwangerschaft empfehlenswert?

Prof. Walter Klockenbusch: Es gibt Untersuchungen dazu, wann der fetale Zustand beeinträchtigt sein kann. Das ist eigentlich nur bei intensiver sportlicher Betätigung der Fall und hängt sicher auch davon ab, was die Frau gewohnt ist. Eine maximale körperliche Beanspruchung über einen längeren Zeitraum ist sicher nicht gut. Aber das ist individuell sehr unterschiedlich. Überhaupt keine Bedenken hätte ich bis zu einer Herzfrequenz von 130/min und einer Atemfrequenz, die unter 70 % der maximalen Atemfrequenz liegt.

? Welche Aktivitäten würden Sie empfehlen?

Klockenbusch: Prinzipiell alles, was Spaß macht! Das kann Schwimmen sein, Wandern, Joggen, Tanzen, Gymnastik, auch Tennis oder Reiten, wobei es auch hier davon abhängt, was die Frauen gewohnt sind. Natürlich würde ich mit dem Reiten nicht gerade in der Schwangerschaft anfangen. Aber das ist ja auch fern von der Praxis. Die meisten Frauen möchten gerne die Sportart weitermachen, die sie bisher betrieben haben — und das ist auch okay. Das Wichtigste ist: kein Ehrgeiz! Es kommt nicht auf Leistung an, sondern auf das Wohlbefinden.

? Was raten Sie Frauen, die vor der Schwangerschaft körperlich weitgehend inaktiv waren?

Klockenbusch: Man sollte sie motivieren, zumindest eine Viertelstunde täglich zu gehen. Das ist ja für einige schon ungewohnt. Und es spricht auch bei einer Frau mit 120 Kilo, die überwiegend am Schreibtisch gesessen hat, nichts dagegen, wenn sie in der Schwangerschaft mal ein Stockwerk nicht mit dem Fahrstuhl fährt, sondern die Treppe nimmt.

? Sagt der Körper, wann’s zu viel ist?

Klockenbusch: Natürlich! Ich ermuntere die Frauen immer, sich zu fragen: Wie geht es mir? Was tut mir gut? Da das individuell sehr unterschiedlich ist, kann man keine festen Regeln aufstellen. Ich würde den Frauen tatsächlich raten, sich mehr auf ihr Gefühl zu verlassen. Nur wenn es ihr irgendwie schlecht geht, die körperliche Leistungsfähigkeit innerhalb kurzer Zeit abnimmt, wenn sie Kreislaufprobleme bekommt, Kopfschmerzen, sollte man nachsehen, was dahintersteckt.

? Ist Sport bei einer Zervixinsuffizienz oder Placenta praevia tabu?

Klockenbusch: Nein. Wenn eine Frau eine Placenta praevia hat, sollte man einfach ausprobieren, was hilft. Bettruhe würde ich jedenfalls nicht empfehlen. Und was den Gebärmutterhals betrifft: Hier spielt es keine Rolle, ob die Frau liegt oder Kopfstand macht oder wandert. Für Zervixveränderungen sind ja primär keine physikalischen Faktoren zuständig, sondern Gewebshormone, biochemische Veränderungen, die wahrscheinlich auch mit psychischen Faktoren zusammenhängen. Wir wissen, dass psychisch belastende Situationen wie Konflikte in der Familie, Krankheiten oder auch Umzug während der Schwangerschaft mit Frühgeburtlichkeit assoziiert sind. Das ist ein Bereich, der bisher ganz stiefmütterlich behandelt wurde.

? Tun sich sportlich aktive Frauen bei der Geburt schwerer?

Klockenbusch: Es gibt den Mythos, dass die Geburten länger dauern und auch häufiger operative Eingriffe nötig sind, wenn der Beckenboden sehr stark trainiert ist. Systematische Untersuchungen zeigen aber genau das Gegenteil: Sowohl die Eröffnungs- als auch die Austreibungsphase sind bei sportlich aktiven Frauen kürzer. Das gilt übrigens auch für Frauen, die während der Schwangerschaft Beckenbodentraining machen. Dieses kann man also auch in der Schwangerschaft durchaus empfehlen!

! Vielen Dank für das Gespräch

Das Interview führte Dr. Elke Oberhofer.

Prof. Dr. med. Walter Klockenbusch Leiter der Geburtshilfe und Pränatalmedizin, Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Universitätsklinikum Münster

© UKM/Wattendor.

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