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gynäkologie + geburtshilfe

, Volume 23, Supplement 1, pp 63–63 | Cite as

Jacopo Tintoretto

Voyeurismus a la Venezia

  • Bernd Kleine-Gunkm
Die letzte Seite Weibs-Bilder
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Die Geschichte von Susanna im Bade stammt aus der Bibel und ist eine Huldigung an die weibliche Keuschheit. Sie erzählt von einer jungen, schönen Jüdin, die von zwei Lustgreisen zunächst heimlich beobachtet, dann sexuell belästigt und schließlich verleumdet wird. Susanna bewahrt ihre Unschuld, der Komplott fliegt auf und die beiden Alten werden zum Tode verurteilt. Für die Maler aller Zeitalter war diese Geschichte immer schon ein beliebtes Motiv. Wo gab es eine bessere Gelegenheit, zum Lob der Keuschheit so viel nacktes weibliches Fleisch in Szene zu setzen? Und keiner hat das besser getan als Tintoretto.

Unter den Malern der venezianischen Renaissance steht Jacopo Tintoretto immer ein wenig im Schatten des großen Meisters Tizian. Darüber hinaus haftet dem „Färberlein“ — so die wörtliche Übersetzung seines Beinamens — aufgrund seiner großen Produktivität und seiner fleißigen Werkstatt auch noch immer der wenig schmeichelhafte Ruf eines „Schnellmalers“ an. Dabei ist Tintoretto mit seinen eigenwilligen Bildkompositionen, seinen gewagten perspektivischen Verkürzungen und seinen kühnen Hell-Dunkel-Effekten ein absoluter Ausnahmekünstler. Gleichzeitig steht er mit dieser Malerei auch am Anfang einer neuen Kunstrichtung, des Manierismus.

Wie meisterhaft sich Tintoretto allein auf die Lichtgestaltung versteht, zeigt sich bereits daran, wie er den schneeweißen Körper Susannas aus dem Dunkeln heraushebt und vom Sonnenlicht bescheinen lässt. Die Wirkung wird noch dadurch verstärkt, dass einige Körperpartien in Schatten getaucht bleiben, eine Technik, die als Chiaroscuro-Effekt bekannt wurde.

In erster Linie ist Tintoretto aber natürlich auch ein Sohn seiner Stadt. Und so gerät ihm die tugendhafte Susanna fast ein wenig zu einer venezianischen Lebedame. So betrachtet Susanna sich nicht ganz uneitel mit kunstvoll geflochtenem Haar selbstverliebt im Spiegel. Vor sich breitet sie ein ganzes Arsenal an preziösen Gegenständen aus: Haarspange, silberner Kamm, Perlenschnur, Seidentuch. Alles Dinge, die es in dieser Eleganz damals nur in Venedig gab, also an jenem Ort, in dem Reichtum immer schon in Schönheit verwandelt wurde.

Die Art und Weise, wie Tintoretto in seinem Bild den Vorgang des Betrachtens thematisiert, verweist dabei schon fast in unsere Moderne, die ja gerne auf die verschiedenen „Metaebenen der Rezeption“ verweist.

Susanna im Bade, 1555/56, Tintoretto

© Erich Lessing / dpa / picture alliance

Da schaut sich Susanna selbstversonnen im Spiegel an und wird dabei von zwei Voyeuren betrachtet. Das Bild an sich und die Art, wie Susanna dargestellt wird, machen aber auch den Bildbetrachter seinerseits zum Voyeur. Müssen wir deshalb ein schlechtes Gewissen haben? In Zeiten von #Metoo wahrscheinlich schon. Im Zuge der Bewegung werden ja inzwischen allen Ernstes in einigen Kunstmuseen alte Meister abgehängt, weil sie zu viel nacktes Fleisch zeigen. Andererseits — einmal abgesehen von Sexualität und Nacktheit: Was ist das Betrachten schöner Dinge und schöner Bilder anderes als Voyeurismus? In Venedig wusste man das immer schon.

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Authors and Affiliations

  • Bernd Kleine-Gunkm
    • 1
  1. 1.

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