Springer Nature is making SARS-CoV-2 and COVID-19 research free. View research | View latest news | Sign up for updates

Alles, was Recht ist

Unterlassen einer ausreichend histologischen Sicherung

  • 8 Accesses

Auffällige Befunde müssen, selbst wenn nur entfernt als maligne in Betracht stehend, differenzialdiagnostisch adäquat abgeklärt werden. Dies kann den Patienten nicht selbst überlassen werden.

Eine 1954 geborene Frau nahm die Mitglieder einer hautärztlichen Gemeinschaftspraxis in Anspruch, da diese ihre Melanomerkrankung zu spät diagnostiziert hätten. Nach ihrem Tod führte der Ehemann den Prozess fort.

Aus klägerischer Sicht war die klinische Untersuchung - zudem ohne dermatologische Speziallupe - zu dürftig und die Anamnese unzureichend. Man sei fehlerhaft nur von einem Hämatom und einer Infektion nachgegangen. Schließlich sei nicht ausreichend kommuniziert worden, dass weitere Untersuchungen sinnvoll gewesen wären. Laut Beklagten war hingegen wegen eines geschilderten Stoßes ein Nagelhämatom zu vermuten und die Farbe des Zehnagels habe nicht den Verdacht auf ein vorrangig abzuklärendes Melanom begründet. Eine Lupe sei zum Einsatz gekommen und das histologische Ergebnis einer Nagelprobe (bakterielle Infektion) einbezogen und mitgeteilt worden.

Die Patientin sei auf eine Wiedervorstellung verwiesen worden, falls die dunkle Stelle nicht herauswachse, dann aber nicht mehr erschienen.

So sah das Gericht den Fall

Während das Landgericht (LG) Paderborn die Klage abgewiesen hatte, hob das Oberlandesgericht (OLG) Hamm (Urt. v. 27.10.2015, Az. I-26 U 63/15) das Urteil auf und gab der Klage nach ergänzender Anhörung des Sachverständigen statt. Es ließ sogar offen, ob bei der Untersuchung wie geboten eine Speziallupe verwendet wurde. Denn damit allein war ohnehin keine sichere Diagnose gewährleistet. Angelastet wurde vielmehr das Unterlassen einer ausreichenden histologischen Abklärung des möglichen Melanoms neben den Differenzialdiagnosen Nagelhämatom und Pilzerkrankung als der ohne rechtzeitigen Behandlung gefährlichsten und schwerwiegendsten Erkrankung. Immerhin sei offensichtlich auch eine mögliche maligne Veränderung erwogen worden, da sonst eine Histologie gar keinen Sinn mache.

Fehlerhaft war nun aber aus Sicht des Gerichts, dass man es der Patientin (bzw. im Delegationswege deren Podologin) überlassen hatte, die Nagelprobe zu nehmen. Um nämlich die erfolgversprechendste Stelle zu erreichen, hätte der Arzt selbst tätig werden müssen, da nur er das relevante Gebiet bestimmen könne. Entsprechend hatte die Histologie tatsächlich nur einen zudem bakteriell infizierten Nagel ausgewiesen.

Ebenso unzureichend wertete das OLG die Aufklärung über eine eigentlich alsbald gebotene Wiedervorstellung zur weiteren Kontrolle und Befunderhebung. Denn der histologische Befund war, auch aus den bereits dargelegten Gründen, bezüglich der Frage des (Nicht-)Bestehens eines Melanoms einerseits schon nicht aussagekräftig genug, andererseits der Hinweis auf Wiedervorstellung nicht ausreichend formuliert und dokumentiert.

Was bedeutet das Urteil für den klinischen Alltag?

Grundsätzlich müssen Patienten beweisen, dass ihre Behandlung fehlerhaft war, sie einen Schaden erlitten haben und der Behandlungsfehler kausal für den Gesundheitsschaden geworden ist. Dieser Zusammenhang muss mit einer Gewissheit feststehen, die zwar nicht an Sicherheit grenzt, aber doch vernünftige Zweifel ausschließt. Es handelt sich um eine hohe rechtliche Hürde, weshalb viele Klagen trotz Feststellung von Fehlern immer noch scheitern. Vorliegend wurde diese Hürde aber genommen, da das OLG das Fehlverhalten sogar letztlich insgesamt als groben Fehler wertete.

Mit dieser Wertung kehrte sich die Beweislast um und die Beklagten hätte nun beweisen müssen, dass die Diagnoseverzögerung ungeeignet gewesen ist, sich über die Grunderkrankung hinaus noch zusätzlich schädigend auszuwirken. Dieser Beweis wäre nur zu führen gewesen, wenn mit 95%iger Wahrscheinlichkeit bei früherer Diagnose die identische Behandlungs- und Prognosesituation bestanden hätte. Dies war allerdings nach mehrmonatiger Verzögerung nicht mehr zu beweisen.

Die Folge war ein Schmerzensgeld von 100.000 € neben der Auferlegung aller Kosten und der Feststellung weiterer materieller Schadensersatzpflichten.

Author information

Correspondence to Martin Sebastian Greiff.

Rights and permissions

Reprints and Permissions

About this article

Verify currency and authenticity via CrossMark

Cite this article

Greiff, M. Unterlassen einer ausreichend histologischen Sicherung . hautnah dermatologie 36, 51 (2020). https://doi.org/10.1007/s15012-020-0575-5

Download citation