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hautnah dermatologie

, Volume 35, Issue 6, pp 58–58 | Cite as

Nachgefragt

„Cemiplimab ist ein Durchbruch“

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Medizin aktuell
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In einer S3-Version liegt seit Kurzem die deutsche Leitlinie Aktinische Keratose und Plattenepithelkarzinom der Haut vor. Leitlinienkoordinatorin Prof. Carola Berking erklärt, worauf es den Autoren besonders ankam.

? Frau Prof. Berking, Ende Juni dieses Jahres ist die Endfassung der S3-Leitlinie „Aktinische Keratose und Plattenepithelkarzinom der Haut“ publiziert worden. Wie lange hat denn die Arbeit an der Leitlinie gedauert?

Prof. Carola Berking: Die konkrete Ausarbeitung hat sich insgesamt über zwei Jahre hingezogen. Die Planung und Koordination reichen sogar noch länger zurück.

? Was sind in Ihren Augen die „größten Errungenschaften“ der Leitlinie?

Berking: Wir haben jetzt erstmals auf einem deutschen S3-Niveau eine evidenzbasierte Auswertung der wissenschaftlichen Literatur zu diesen beiden Themen. Das gab es vorher nicht. Zudem haben wir die früheren separaten Leitlinien niedrigerer Evidenzstufe für aktinische Keratosen und für das Plattenepithelkarzinom nun in einer Leitlinie höherer Evidenz zusammengeführt und integriert dargestellt.

„Sehen Sie, es geht uns beim Plattenepithelkarzinom der Haut in erster Linie darum, die Morbidität zu senken“

Prof. Dr. med. Carola Berking

Prof. Berking hat kürzlich einen Ruf auf die Universitätsprofessur für Haut- und Geschlechtskrankheiten an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg angenommen und zum 1. Oktober 2019 ihre Tätigkeit als neue Direktorin der Hautklinik des Universitätsklinikums Erlangen aufgenommen. Sie war zuständig für die Koordination und Redaktion der S3-Leitlinie „Aktinische Keratose und Plattenepithelkarzinom der Haut“.

? Ein auffallend großer Teil des Leitlinientextes befasst sich mit aktinischen Keratosen.

Berking: Ja. Das Thema der aktinischen Keratosen war eine Hauptmotivation für die Leitlinie. Hier haben sich während der vergangenen zehn Jahre sehr viele neue therapeutische Möglichkeiten entwickelt, zu denen inzwischen eine Fülle randomisierter Studien vorliegen. Deshalb war es sinnvoll, die vorhandenen Ergebnisse einmal umfassend auszuwerten und darzustellen.

? Nun macht es ja immer stutzig, wenn zu einer Erkrankung viele Verfahren angeboten werden. Das weckt den Verdacht, dass keines davon durchschlagend wirkt.

Berking: Das ist bei den aktinischen Keratosen ganz anders. Wir sind hier nicht in einer Situation wie etwa bei Warzen oder dem Granuloma anulare. Von den zehn zugelassenen Verfahren sind alle wirksam, und es gibt dazu eben auch hochklassige Studien, die das belegen. Die Praktiker wollen natürlich gern einen Anwendungs-Algorithmus haben. Darauf haben wir verzichtet, weil jedes Verfahren seine Vor- und Nachteile hat. Deshalb haben wir in die Leitlinie ein Balance-Sheet, also eine zusammenfassende und abwägende tabellarische Darstellung eingefügt, in der die jeweiligen Vor- und Nachteile auf einem Blick sichtbar werden. Damit kann der behandelnde Arzt individuell entscheiden, welches der zugelassenen Verfahren er bei einem bestimmten Patienten anwendet. Ein Problem ist, dass die Verfahren in der Praxis oft kombiniert werden, und das durchaus erfolgreich. Dafür gibt es dann aber oft keine Studien und somit keine ausreichende Evidenz.

? Kommen wir zum Plattenepithelkarzinom. Hier gibt es neue Entwicklungen, speziell der Checkpointhemmer Cemiplimab weckt Hoffnungen für die Therapie von Patienten in fortgeschrittenen und metastasierten Stadien.

Berking: Die Studie zu Cemiplimab ist zum Glück schon in der Leitlinie erwähnt. Die Schwierigkeit war, dass der PD-1-Hemmer bis zur Fertigstellung der Leitlinie in Europa noch nicht zugelassen war und wir die Studienergebnisse daher nach den Vorgaben für Leitlinien nicht aufnehmen konnten.

? Was ist von Cemiplimab zu erwarten? Die Ansprechraten sind doch nicht höher als bei herkömmlicher Therapie.

Berking: Cemiplimab ist ein Durchbruch. Erstmals ist eine Substanz verfügbar, die auch in fortgeschrittenen Stadien kurativ eingesetzt werden kann. Insofern kann man die Ansprechraten allein nicht zum Maßstab nehmen. Es geht ja um das Langzeitansprechen. Auf eine Chemotherapie beispielsweise sprechen die Patienten nur kurzfristig an. Wenn man aber unter Cemiplimab anspricht, ist das in der Regel langfristig und der Patient womöglich sogar geheilt.

? Die Inzidenz von Plattenepithelkarzinomen steigt, die Mortalität bleibt aber auf niedrigem Niveau gleich. Spielt Überdiagnostik bei diesem Tumor eine Rolle?

Berking: Sehen Sie, es geht uns beim Plattenepithelkarzinom der Haut in erster Linie darum, die Morbidität zu senken. Es stimmt schon, dass die Mortalität vergleichsweise niedrig ist. Aber um die Krankheitslast für die Betroffenen niedrig und die Lebensqualität hoch zu halten, ist Früherkennung sinnvoll.

? Die nächste Überprüfung der Leitlinie ist in fünf Jahren geplant. Das erscheint angesichts dessen, wie viel sich auf dem Gebiet tut, ein wenig lang.

Berking: Ich sage immer: Nach der Leitlinie ist vor der nächsten Leitlinie. Wir stehen jetzt schon am Anfang eines Updates, der Antrag dazu ist gestellt und genehmigt. In zwei bis drei Jahren soll dieses Update der Leitlinie fertig sein und auch die neuesten Entwicklungen berücksichtigen.

Das Interview führte Dr. Robert Bublak.

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