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hautnah dermatologie

, Volume 34, Issue 6, pp 78–78 | Cite as

Skarifikation

Gebrandmarkt

  • Myrta Köhler
Prisma
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Bestrafung, Besitz, Zierde: Branding ist eine Technik, die der Pferde- und Viehzucht entstammt, um die Tiere nach Rasse oder Eigentümer zu kennzeichnen und auch am Menschen in unterschiedlichen kulturellen Zusammenhängen ausgeübt wird.

Bei Branding handelt es sich um die gezielte Skarifikation mittels einer Metallform. Üblicherweise erfolgt das Anbringen der Male durch heißes Eisen (Heißbrand). Das Motiv wird aus einem oder mehreren Edelstahlteilen geformt, die auf etwa 900 °C erhitzt werden — dies geschieht mittels Gasflamme, um Ruß und andere Rückstände zu vermeiden. Anschließend wird das Eisen für einige Sekunden auf die bloße Haut gedrückt und brennt sich dabei in Epidermis und Lederhaut, nicht aber das Unterhautfettgewebe, ein. Eine seltenere Variante ist der Kaltbrand: Hierbei wird die Eisenform in flüssigem Stickstoff auf minus 80 °C gekühlt.

Wie Tallulah Bankhead in „The Cheat“ (1915) wurden und werden noch immer Menschen aus historisch und traditionell verschiedenen Motiven gebrandmarkt.

© JT Vintage / mauritius images

Stahlstreifen von bis zu einem Millimeter Breite erzeugen Narben zwischen 2 und 4 Millimeter Breite. Spitze Winkel, filigrane oder detailreiche Strukturen eignen sich nicht, da sie eine saubere Verheilung erschweren. Eine umstrittene Alternative zu Heiß- beziehungsweise Kaltbrand ist die Verbrennung der Haut mittels eines batteriebetriebenen Brenneisens. Dieser „cautery pen“ ähnelt einem Kugelschreiber, dessen Spitze erhitzt wird, um die Muster auf die Haut aufzubringen.

Leibes- und Ehrenstrafe

Insbesondere Recht- und Machtlose wurden seit jeher mit Brandmalen versehen und gedemütigt. In der Antike wurden geflohene Sklaven mit den Buchstaben FGV („fugitivus“, dt.: Ausreißer) gebrandmarkt; auch der Code Noir, das von Ludwig XIV. erlassene Dekret zur Regelung des Umgangs mit schwarzen Sklaven, sah die Brandmarkung für jeden Fluchtversuch vor. Auch im Mittelalter waren Brandzeichen ein geläufiges Mittel zur Stigmatisierung von Delinquenten; zur Zeit EdwardsVI. wurden Vagabunden im Königreich England mit einem „V“ auf der Brust gekennzeichnet.

Bis ins 19. Jahrhundert wurden in der westlichen Welt fast ausschließlich Kriminelle gebrandmarkt; die öffentliche Entwürdigung war Teil der Leibesstrafe. Aber auch Frauen, die gewaltsam in die Prostitution gezwungen wurden, wurden häufig Opfer von gewaltsam eingebrannten Malen. Sie mussten Namen oder Zeichen der Bandenzugehörigkeit ihres Zuhälters als Kennzeichnung auf der Haut tragen.

Körperschmuck der besonderen Art

Skarifikationen werden allerdings auch aus ästhetischen oder symbolischen Gründen durchgeführt: als Schmucknarben. In gewissen — meist männlichen — Kreisen sind sie Teil einer Initiation: etwa in Streetgangs oder Studentenverbindungen. Brandnarben können auch Teil religiöser Riten sein, wie etwa bei den Madhwa Brahmins in Indien. Traditionelle Skarifizierungen in Afrika entstehen, indem die Haut eingeritzt wird („cutting“) und die natürliche Heilung durch Verdrecken der Wunde oder Abreißen des Schorfs gezielt verzögert wird.

Auch in der Sadomasoszene ist Branding verbreitet: Es dient der Stimulation von Lust, da der Schmerz der Verbrennung Endorphine ausschüttet — und sogar ein gewisses Suchtrisiko birgt. Zudem drücken Brandmarken die Besitzrechte innerhalb einer devoten Beziehung aus.

Verheilung und Ergebnis

Grundsätzlich sollten nur Körperstellen gebrandmarkt werden, unter denen sich Muskel- und Bindegewebe befinden. In Bereichen mit Sehnen, Gelenken, Blutgefäßen oder Nerven besteht erhöhte Verletzungsgefahr. Ein Infektionsrisiko ist besonders bei Kaltbrandzeichen gegeben, da weniger Keime abgetötet werden.

Die Narben bleiben — je nach Hauttyp — einige Jahre lang sichtbar. Für ein beständiges Erscheinungsbild sollte das Branding nach einem halben Jahr mit der Originalform aufgefrischt werden. Nach der Abheilung bleiben meist schwache weiße, manchmal rötliche Muster zurück. Der Schorf sollte während der Heilungsphase unverletzt bleiben, öffentliche Bäder oder Seen sollten aufgrund der Infektionsgefahr gemieden werden.

Rechtlich gesehen ist die Praxis des Brandings umstritten. Laut Körperverletzungsparagraph dürfen allerdings einvernehmliche Körperverletzungen, die nicht gegen Sitten verstoßen, nicht strafrechtlich verfolgt werden.

Copyright information

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Authors and Affiliations

  • Myrta Köhler
    • 1
  1. 1.

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