hautnah dermatologie

, Volume 34, Issue 2, pp 66–66 | Cite as

Körpermodifikation

Stelarc: Zwischen Biologie und Technik

  • Myrta Köhler
Prisma
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Im Jahr 1984 demonstrierte der Film Terminator das ungeheure Faszinationspotenzial des Cyborg, des Mensch-Maschine-Hybriden. Längst wird aus Science-Fiction Wirklichkeit. Der Medien- und Performance-Künstler Stelarc nutzt Robotik, Prothetik und Virtual-Reality-Systeme, um die Beziehung zwischen Körper und Technologie neu zu konfigurieren.

In Zeiten von Geschlechtsumwandlungen, Genkartierung, Prothesen und Neuroimplantaten wird der Körper uneindeutig, so die These Stelarcs: Technologie kann die Unzulänglichkeiten des Körpers ausgleichen, ihn aber auch weit darüber hinaus verstärken. Fleisch und Metall verbinden sich zu „alternativen anatomischen Architekturen“: Stelarc spricht von einem „Zeitalter des zirkulierenden Fleisches“.

Stelarc wurde 1946 als Stelios Arcadiou in Limassol auf Zypern geboren. Für seine Arbeiten, die seit Jahrzehnten um das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine kreisen, erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter die Goldene Nica der Ars Electronica in Linz. In seinen Aktionen lotet er die Grenzen seines eigenen Körpers ständig neu aus.

Ear on Arm. London, Los Angeles, Melbourne 2006

© Nina Sellars

Zwischen 1976 und 1988 etwa führte er an verschiedenen Orten Aufhängeaktionen mit dem Titel „Suspension“ durch: Dafür durchbohrte er mit Haken seine Haut und ließ sich an diesen mittels verschiedener Aufhängekonstruktionen in die Luft heben, um die Haut als Grenze des Ichs in Frage zu stellen.

Ohr am Arm

Weit komplexer war das Projekt „Ear on Arm“ (2006): Ein künstlich „gezüchtetes“ drittes Ohr an der Innenseite seines linken Unterarms, das, ausgestattet mit GPS-Sender und Mikrophon, die akustische Umgebung Stelarcs permanent „live“ übertragen soll.

„Wir haben weiche, innere Organe entwickelt“, erklärt der Künstler sein Anliegen. „Nun können wir zusätzliche, externe Organe konstruieren, um besser auf dem technologischen und Medien-Terrain zu funktionieren, das wir derzeit bewohnen.“

Bei dem mehrere Jahre andauernden Prozess kam kosmetische, rekonstruktive und orthopädische Chirurgie zum Einsatz. Zunächst wurde eine Salzlösung in ein subkutanes Silikonimplantat injiziert, das nach und nach die Haut dehnte und schließlich einen „überschüssigen“ Hautlappen entstehen ließ. Danach wurde ein Implantat aus porösem Polyethylen, das fibrovaskuläres Einwachsen ermöglicht, eingesetzt — über diesem wurde dann die Haut gespannt und zu einem „linken“ Ohr geformt. Bei der zweiten Operation wurde auch das Mikrophon eingesetzt — es trat allerdings eine Entzündung auf, die seine vorzeitige Entfernung nötig machten. Der Plan soll nun wieder aufgegriffen werden, so Stelarc. Ein Treffen mit Mitgliedern einer Gruppe von „Body-Hackern“ hierzu fand Ende Januar im Rahmen der BDYHAX2018 in Austin statt.

Es gehe heute nicht nur um die Identität, sondern um die Konnektivität des Körpers, ist Stelarc überzeugt. Durch die dauerhafte Umgestaltung des Körpers würde seine Wahrnehmung und Präsenz verändert. Die Form des Ohrs symbolisiert für Stelarc nicht nur ein ästhetisches und komplexes Organ, sondern auch den Gleichgewichtssinn und die vielen Nervenenden, mit denen etwa in der Akupunktur die Organe stimuliert werden können. Der Plan des Künstlers, das Ohrläppchen aus eigenen Stammzellen zu züchten, konnte bislang allerdings nicht umgesetzt werden.

Zweite Haut

Dasselbe gilt für ein Vorhaben aus dem Jahr 2013: Für das International Symposium on Electronic Art in Sydney erarbeitete Stelarc mit dem finnischen Mikrobenexperten Antero Kare ein Konzept, um sich eine „zweite“ Haut wachsen zu lassen. Dazu wollte der Künstler seinen Körper zunächst mit dem Geliermittel Agar, geimpft mit im Labor angezüchteten Mikroben, bestreichen und während des Symposiums drei Tage liegend in einem durchsichtigen Kubus verbringen: Dieser eigens entworfene Inkubator sollte Temperatur und Feuchtigkeit regulieren, um das Wachstum eines Mikrobengeflechts zu stimulieren. Danach sollte die künstliche Hautschicht entfernt werden, um — an einem beliebigen Ausstellungsort — unbegrenzt weiterzuwachsen. Die Umsetzung scheiterte damals an der Finanzierung, doch, so Stelarc, „wenn sich entsprechende Fördermittel fänden, würde ich das Projekt weiter verfolgen“.

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Authors and Affiliations

  • Myrta Köhler
    • 1
  1. 1.

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