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MMW - Fortschritte der Medizin

, Volume 161, Issue 20, pp 18–18 | Cite as

Po-Problemen vorbeugen

„Das Optimum ist ein fest geformter Stuhl“

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AKTUELLE MEDIZIN . INTERVIEW
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Kommen Hämorrhoidalbeschwerden wirklich davon, dass „Mann“ oder „Frau“ zu lange auf der Toilette thront und feste drückt? Kann man dem Übel mit Ernährungsmaßnahmen vorbeugen? Und wie hilfreich sind rezeptfreie Mittel aus der Apotheke? Der Proktologe Dr. Joos, Mannheim, beantwortet diese Fragen.

Dr. med. Andreas Joos Dt. End- und Dickdarm-Zentrum Mannheim, Koordinator der S3-Leitlinie Hämorrhoidalleiden

MMW: Womit werden Hämorrhoiden am häufigsten verwechselt?

Joos: Am häufigsten mit den äußeren Hautfalten, den sog. Marisken. Und ggf. auch mit Analvenenthrombosen, die aber im Gegensatz zur klassischen Hämorrhoide durchaus schmerzhaft sind.

MMW: Hauptsymptom des Hämorrhoidalleidens ist die Blutung. Welche Rückschlüsse kann man aus der Farbe des Blutes ziehen?

Joos: Eigentlich keine. Die Patienten sagen oft, es blutet hell, das sind wohl die Hämorrhoiden, aber das ist so nicht richtig. Dass es bei einer oberen gastrointestinalen Blutung hinten hell rauskommt, ist zwar die absolute Ausnahme. Aber man kann auch nicht sagen: Es blutet hell, also ist es auf jeden Fall eine Hämorrhoide oder eine Fissur. Die Farbe des Blutes ist immer nur ein Anhaltspunkt und ersetzt nicht die Diagnostik.

MMW: Wie kommt es zum Hämorrhoidalleiden? Liegt es am Pressen?

Joos: In histologischen Untersuchungen hat man gefunden, dass es bei Patienten mit Hämorrhoidalbeschwerden offensichtlich zu Zerreißungen an der Aufhängevorrichtung der Hämorrhoiden kommt. Wenn man sehr mechanistisch denkt, könnte man natürlich konstruieren, dass es ein Problem sein könnte, wenn der Patient jeden Tag eine halbe Stunde auf der Toilette sitzt und feste drückt. Es gibt aber durchaus Patienten, die beim Stuhlgang gerne ein bisschen Zeitung lesen oder mit dem Handy spielen, aber nicht unbedingt ein Hämorrhoidalleiden bekommen.

MMW: Die Empfehlung, nicht zu lange auf dem Klo zu sitzen, ist gar nicht gesichert?

Joos: Die Studienlage hierzu ist einfach nicht gut. Aber wenn ein Patient bereits Hämorrhoiden hat, kann man ihm schon raten, die Zeit auf der Toilette zu verkürzen. Zusätzlich sollte man auf eine Stuhlregulation hinwirken; beides zusammen ist sicher nicht falsch.

MMW: Wie sollte der Stuhl beschaffen sein, damit der Patient nicht zu sehr drücken muss?

Daddeln erlaubt?

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Joos: Viele denken, ein weich-breiiger Stuhl wäre das Optimum. Das stimmt aber nicht. Der Stuhl soll zwar nicht hart, aber doch fest geformt sein, sodass sich der Enddarm vernünftig füllt und der Stuhl ohne großes Pressen am Stück entleert werden kann. Ist der Stuhl zu breiig, entleert sich der Enddarm oft nicht komplett. Der Patient hat dann das Gefühl, es wäre noch was drin, was zum Nachpressen verleitet.

MMW: Mit welcher Ernährung erzielt man einen fest geformten Stuhl?

Joos: Eine Ernährungsumstellung ist meist nicht zielführend. Zunächst muss man immer eine Laktose- oder Fruktoseintoleranz ausschließen. Was in der Regel am schnellsten zum Ziel führt, sind Flohsamenschalen. Diese werden nicht aufgenommen, nicht verstoffwechselt und es gibt keinen Gewöhnungseffekt. Wenn der Patient die Flohsamenschalen regelmäßig in der richtigen Dosierung einnimmt, wird der Stuhl in den allermeisten Fällen so, wie er sein soll.

MMW: Empfehlen Sie Venenmittel wie die oft verabreichten Flavonoide?

Joos: Zu den Flavonoiden gibt es zwar eine Reihe prospektiver randomisierter Studien. Diese sind jedoch oft nicht sehr aussagekräftig. Hämorrhoiden sind ja per Definition keine Venen, sondern arteriovenöse Gefäße. Daher ist schon vom Wirkmechanismus her eigentlich kein großer Effekt zu erwarten. In die Leitlinie haben wir sie u. a. deshalb aufgenommen, weil sie in Österreich und der Schweiz zugelassen sind. In Deutschland wäre es jedoch ein Off-label-Use, für den es aus unserer Sicht gar keinen Grund gibt.

Interview: Dr. Elke Oberhofer

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