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MMW - Fortschritte der Medizin

, Volume 161, Issue 19, pp 26–26 | Cite as

Hausarzt oder Laufbursche? Ich bin beides!

  • Gisela Gieselmann
AUS DER PRAXIS WAS MMW-LESER ERLEBEN
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_ Am Ende der Sprechstunde stecken mir meine Mitarbeiterinnen oft Zettel zu, genauer gesagt Telefonnotizen. Neulich gab es wieder eine meiner Lieblingskonstellationen: Frau A. war aus dem Krankenhaus entlassen worden und brauchte nun Medikamente.

Mein Rückruf bei der Patientin bestätigte meine Ahnung: Das Krankenhaus hatte ihr einen Entlassbrief mit nach Hause gegeben. „Da steht drin, dass ich neue Tabletten brauche“, berichtete sie unsicher. Eine Tablette für den Vorabend hatte man ihr wohl mitgegeben, aber ab heute brauchte sie eine neue Packung. Ich atmete tief durch — wusste ich doch, dass dieses Krankenhaus immer so verfährt, um ein paar Cent Porto für den vorläufigen Brief zu sparen. Der endgültige Brief kommt ohnehin erst nach zwei Monaten.

Aber auch Frau A. wollte offensichtlich ihren Krafteinsatz optimieren — immerhin hatte sie eine schwere COPD mit Heimsauerstoff. Daher, so klagte sie nun, könne sie das Haus nicht verlassen. Aus gut informierter Quelle wusste ich, dass die Kraft zum Zigarettenholen doch noch reicht. „Wer kauft Ihnen denn eigentlich Lebensmittel?“ frage ich am Telefon. „Das macht die Nachbarin, aber die hat heute keine Zeit“, kam es prompt zurück. „Sie müssen schon selber kommen!“

„Ich fliege, ich eile, ich laufe, ich galoppiere!“

© CentralITAlliance / Getty Images / iStock

Die Hausbesuchsliste war schon voll, und sowieso hatte ich keine große Lust, nur für die Lektüre eines Briefs zu der Patientin zu fahren. Denn selbst wenn ich ihr in einer zweiten Tour die Rezepte brächte, hätte sie ja immer noch keine Tabletten.

Auf der Suche nach einem Ausweg rief ich kurzerhand in der Klinik im Chefarzt-Vorzimmer an mit der Bitte, mir den vorläufigen Brief per Fax zu schicken. „Das darf ich gar nicht!“, meinte die Dame am Telefon jedoch gewieft. „Sie wissen ja: die neue Datenschutzverordnung!“

Sie muss allerdings auch durch das Telefon meinen zum Feuerspeien hinreichend heißen Atem gespürt haben, denn rasch wurde ihr Ton weicher. „Na ja, vielleicht kann ich eine Ausnahme machen“, gab sie sich konziliant. „Aber ich darf das eigentlich wirklich nicht!“

Mit dem verbotenen Fax ging dann doch alles schnell. Ich musste lediglich in die Apotheke gegenüber laufen und die Rezepte abgeben. Die Patientin bekam ihre Medikamente am gleichen Abend geliefert, und ich machte den Hausbesuch tags darauf.

Tolle Lösung — aber ist der ganze Aufwand eigentlich Hausarzt-Aufgabe? Stellen wir solche Fragen noch?

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Authors and Affiliations

  • Gisela Gieselmann
    • 1
  1. 1.HeiligenhausDeutschland

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