Advertisement

MMW - Fortschritte der Medizin

, Volume 161, Issue 19, pp 22–22 | Cite as

Depressive Patienten beim Hausarzt

Nicht jeder braucht ein Antidepressivum

  • Peter Stiefelhagen
AKTUELLE MEDIZIN . KONGRESSBERICHTE
  • 18 Downloads

Die meisten Patienten mit Depression werden vom Hausarzt behandelt und betreut. Entscheidend für den Therapieerfolg ist — unabhängig vom gewählten Verfahren — eine vertrauensvolle Arzt-Patienten-Beziehung.

Erste Anlaufstelle für sie: der Hausarzt.

© Juanmonino / Getty Images / iStock(Symbolbild mit Fotomodell)

_ Die Depression gehört zu den häufigsten Erkrankungen unserer Zeit. Die Lebenszeitprävalenz beträgt bei Frauen 10–25% und bei Männern 5–12%. Das durchschnittliche Erkrankungsalter liegt bei 20 Jahren mit einem zweiten Peak zwischen 55 und 65 Jahren. „Doch Depressionen gibt es in jedem Alter“, betonte Prof. Nenad Vasic von der Fachklinik Christophsbad in Göppingen.

Vielfältige Symptome

So unterschiedlich die Verläufe, so vielfältig sind die Symptome bei einer Depression (Tab. 1). Am häufigsten sind Insomnie, traurige Verstimmung, Weinerlichkeit und Konzentrationsstörungen. „Viele Betroffene suchen ihren Hausarzt auch wegen körperlicher Beschwerden auf“, so Vasic. Beklagt werden insbesondere Energieverlust, Erschöpfung, Schlafstörungen, Engegefühl in der Brust, Herzklopfen, Schwindel und sexuelle Funktionsstörungen. Typisch sind auch psychomotorische Störungen in Form von Hemmung oder Agitiertheit mit körperlich erlebter Unruhe und innerer Getriebenheit.
Tab. 1

Typische Symptome bei Depressionen

Insomnie

100%

Traurige Verstimmung

100%

Weinerlichkeit

94%

Schlechte Konzentration

91%

Suizidgedanken

82%

Müdigkeit

76%

Reizbarkeit

76%

Psychomotorische Verlangsamung

76%

Appetitmangel

66%

Tagesschwankungen

64%

Hoffnungslosigkeit

51%

Gedächtnisstörungen

35%

Wahnideen

33%

Suizidversuche

15%

Akustische Halluzinationen

6%

Leicht, mittelgradig oder schwer

Leitsymptome nach ICD-10 sind verminderter Antrieb, depressive Stimmung und Verlust von Interesse und Freude. Nebenkriterien sind verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit, Suizidgedanken und suizidale Handlungen, Verlust des Selbstwertgefühls, Schlafstörungen, Appetitminderung oder -steigerung, unbegründete Selbstvorwürfe oder Schuldgefühle und Agitiertheit oder Hemmung. Bei 2 Haupt- und 2 Zusatzsymptomen ist von einer leichten Depression auszugehen, 2 Haupt- und 3–4 Zusatzsymptome sprechen für eine mittelgradige und 3 Haupt- und mindestens 4 Zusatzsymptome für eine schwere depressive Phase.

Zwei Fragen führen zur Diagnose

Eine Möglichkeit zur schnellen Erfassung einer unipolaren depressiven Störung in der Hausarztpraxis bietet der „Zwei-Fragen-Test“ mit einer Sensitivität von 96% und einer Spezifität von 57%:
  • Fühlten Sie sich im letzten Monat häufig niedergeschlagen, traurig, bedrückt oder hoffnungslos?

  • Hatten Sie im letzten Monat deutlich weniger Lust und Freude an Dingen, die Sie sonst gerne tun?

Natürlich sollte immer auch eine organische Erkrankung ausgeschlossen werden.

Antidepressiva nur bei schweren Episoden

„Die Verordnung von Antidepressiva hat sich in den letzten zwanzig Jahren mehr als verdoppelt, ohne dass man von einer Abnahme der Krankheitslast ausgehen kann“, so Vasic. Nach Studiendaten seien Antidepressiva nur bei schweren Depressionen einem Placebo überlegen. Auch sei die Wirksamkeit begrenzt. 37% der Patienten bleiben auch nach mehreren Umstellungen weiterhin depressiv.

Besondere Vorsicht ist geboten bei Patienten mit Komorbiditäten, Polypharmazie und hohem Alter. Eine Reihe von Antidepressiva zeigt nämlich potenzielle negative Effekte auf das Reizleitungssystem im Herzen, auf den Elektrolythaushalt und die Gerinnung, was insbesondere für Patienten mit einer Plättchenhemmertherapie oder Blutungen in der Vorgeschichte relevant ist.

Psychotherapie ist nachhaltiger

In Vergleichsstudien erwies sich die Psychotherapie als durchaus vergleichbar wirksam wie eine medikamentösen Therapie. Das gilt sowohl für die Verhaltenstherapie als auch für tiefenpsychologische Verfahren. „Im Vergleich zu Antidepressiva verspricht die Psychotherapie sogar eine bessere Nachhaltigkeit“, so Vasic.

Literatur

  1. Ärztekongress in Stuttgart 2019Google Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  • Peter Stiefelhagen
    • 1
  1. 1.

Personalised recommendations