Advertisement

MMW - Fortschritte der Medizin

, Volume 161, Issue 14, pp 37–37 | Cite as

Dämpft Blutdrucksenkung die Hirnleistung?

  • H. Holzgreve
FORTBILDUNG . KRITISCH GELESEN
  • 30 Downloads

Senioren bleiben kognitiv leistungsfähiger, wenn der systolische Blutdruck trotz einer antihypertensiven Behandlung noch > 130 oder sogar > 150 mmHg liegt — oder wenn sie unbehandelt bleiben.

Prof. Dr. med. H. Holzgreve Internist, München

_ In eine prospektive Kohortenstudie wurden 1.266 Patienten jenseits des 75. Lebensjahrs ohne terminale Erkrankungen und mit einer Lebenserwartung von mindestens drei Monaten aufgenommen. Initial und nach einem Jahr lagen mehrfache Blutdruckwerte sowie Messungen der kognitiven Leistungsfähigkeit mit zwei anerkannten Verfahren wie dem MMSE vor. Bei der Auswertung wurden sozioökonomische Einflussfaktoren sowie Daten über kardiovaskuläre und nicht-kardiovaskuläre Erkrankungen berücksichtigt. Die Patienten waren im Mittel 82,4 Jahre alt, 83,5% wurden antihypertensiv behandelt.

Es gab drei wichtige Beobachtungen: Nach einem Jahr hatten behandelte Patienten mit systolischen Werten > 130 und > 150 mmHg eine signifikant geringere Einbuße der Hirnleistung als Patienten mit Werten < 130 mmHg. Die Verschlechterung war nur bei Patienten nachweisbar, die antihypertensiv behandelt wurden. Und besonders wichtig: Die Abnahme war signifikant ausgeprägter bei Patienten mit funktionellen, somatischen, mentalen und sozialen Gesundheitsproblemen. Die Lebensqualität wurde durch Antihypertensiva nicht beeinflusst.

KOMMENTAR

Die Empfehlungen zur antihypertensiven Therapie bei Senioren über 80 stützen sich bislang nur auf eine einzige große, randomisierte Studie (HYVET), in der eine Senkung des Blutdrucks von 161/84 mmHg auf 144/78 mmHg zu einer Abnahme von tödlichen und nicht-tödlichen kardialen und zerebralen Komplikationen führte. Allerdings wurden hier nur rüstige, relativ gesunde und aktive Senioren aufgenommen.

In den letzten Jahren nun legten zahlreiche kleinere, methodisch weniger aussagekräftige Studien nahe, dass eine Blutdrucksenkung in den üblichen Normalbereich bei alten und gebrechlichen Patienten die Mortalität und Morbidität nicht senkt, sondern evtl. sogar erhöht. Die vorliegende Studie zeigt dies am Beispiel der Hirnleistungsstörung. Solange keine neuen Daten vorgelegt werden, bleibt die antihypertensive Therapie bei Hochbetagten eine Ermessensfrage.

Literatur

  1. Streit S, Poortvliet RKE, den Elzen WPJ et al. Systolic blood pressure and cognitive decline in older adults with hypertension. Ann Fam Med. 2019;17:100–7CrossRefGoogle Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  • H. Holzgreve
    • 1
  1. 1.

Personalised recommendations