Lahm vor lauter Enkelschmerzen
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_ Fremdsprachenkenntnisse sind nie verkehrt — und helfen bisweilen auch bei einheimischen Patienten. So wurde ich im Notdienst einmal von einer akzentfrei deutsch sprechenden Patientin angefordert, die meinte, ihr Enkel schmerze, sie könne nicht mehr laufen. Einfach so, ohne Unfall.
Mir war schleierhaft, was sie meinte. Ein Kind konnte wohl nicht betroffen sein, schließlich war die Frau selbst beim Laufen beeinträchtigt. Immerhin grenzte dieses Beschwerdebild die Körperregion ein wenig ein. Ich kannte den Begriff „Onkel“ als Bezeichnung für Zehen, außerdem das englische Wort „ankle“, das ja so ähnlich klingt.
Da meine jahrelange Erfahrung mich lehrte, bei unklaren Situationen lieber hinzufahren und mir selbst einen Eindruck zu machen, statt mich auf lange und verwirrende Diskussionen einzulassen, stand ich bald einer recht beleibten, im Sessel sitzenden Frau gegenüber, die auf ihr Bein zeigte. Die Untersuchung der infrage kommenden Gelenke zeigte schnell, dass tatsächlich der Knöchel Beschwerdeursache war, wahrscheinlich überlastungsbedingt nach einer längeren Stadtbesichtigung.
Danach wollte ich noch meine Neugier bezüglich der anatomischen Bezeichnung stillen. Es war der Frau unverständlich, wieso ich nicht gleich am Telefon gewusst hatte, was sie gemeint hatte. Sie war an der niederländischen Grenze aufgewachsen — und dort ist „Enkel“ offenbar ein gängiger Begriff für den Knöchel. Die sprachliche Verwandschaft zum englischen Wort war meiner Patientin überhaupt nicht bewusst.