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InFo Neurologie & Psychiatrie

, Volume 21, Issue 11, pp 3–3 | Cite as

Vitamine, Mineralien und Diäten: Kein Einfluss auf vaskuläre Krankheiten?

  • Hans-Christoph DienerEmail author
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© Sven Bähren / stock.adobe.com

Etwa 40 % der Bevölkerung in den hochentwickelten Ländern nehmen regelmäßig Nahrungsergänzungsstoffe, Vitamine oder Mineralien zu sich. Darüber hinaus werden vielfältige Diäten zur Gewichtsreduktion und zur Vermeidung von kardiovaskulären und zerebrovaskulären Erkrankungen propagiert. In den USA beträgt der Umsatz für Vitamine und Nahrungsergänzungsstoffe 60 Milliarden Dollar pro Jahr.

Die InFo Neurologie + Psychiatrie berichtet nicht nur regelmäßig über die Ergebnisse von randomisierten Therapiestudien mit Medikamenten und Interventionen, sondern auch über den Einfluss der Ernährung auf kardiovaskuläre Erkrankungen und den Schlaganfall. In den letzten beiden Jahren sind zwei sehr große Metaanalysen erschienen, die den Einfluss von Vitaminen, Mineralien und Diäten auf die Häufigkeit von kardiovaskulären und zerebrovaskulären Erkrankungen untersuchten. Eine im Jahr 2018 publizierte Metaanalyse umfasste Ergebnisse von zwei Millionen Teilnehmern [1] und die im Jahr 2019 erschienene Metaanalyse Daten von über 900.000 Teilnehmern [2] (siehe Seite 14). Bei einem Teil der verwendeten Studien handelt es sich um Registerstudien, bei einem kleineren Teil um randomisierte Studien. Nimmt man alle Ergebnisse zusammen, gibt es keinen oder nur einen minimalen Einfluss der Nahrungssubstitution mit Vitaminen oder Nahrungsergänzungsstoffen auf die Häufigkeit von Herzinfarkt und Schlaganfall und die Mortalität durch diese beiden vaskulären Erkrankungen. Diese Ergebnisse unterscheiden sich von den Studien, die den Einfluss der Ernährung auf vaskuläre Erkrankungen untersucht haben. Eine besonders gut durchgeführte Studie ist die EPIC-OXFORD-Studie, die Menschen untersuchte, die sich überwiegend von Fleisch ernähren, Menschen, die überwiegend Fisch essen sowie Vegetarier und Veganer [3] (siehe Seite 15). Nach einer 18-jährigen Beobachtungszeit zeigte sich, dass Menschen, die sich überwiegend von Fisch ernähren und Vegetarier ein signifikant erniedrigtes Risiko für eine ischämische Herzerkrankung haben. Es ergab sich allerdings kein Einfluss der Ernährung auf die Häufigkeit und Prognose von Schlaganfällen. Es zeigte sich sogar ein minimaler Trend für eine Zunahme von zerebralen Blutungen bei Vegetariern, wobei dieser Zuwachs in absoluten Zahlen sehr gering war.

Warum neben so viele Menschen Vitamine und Nahrungsergänzungsstoffe zu sich? Dies hat ganz überwiegend mit der Ungleichheit der „Waffen“ zu tun, wenn es um die Kommunikation eines vermeintlichen Nutzens der Substitution geht. Schlägt man Zeitungen oder Illustrierte auf, oder schaltet man das Fernsehgerät an, wird man von Werbung überwältigt, die die Einnahme von Vitaminen und Nahrungsergänzungsstoffen propagiert. Die wissenschaftliche Argumentation, dass dieses Vorgehen den meisten Menschen keinen Nutzen bringt, wird in aller Regel nicht kommuniziert. Dies ist nicht erstaunlich, wenn man berücksichtigt, welche Gewinne die entsprechenden Firmen, Drogerien und Apotheken machen, die Vitamine und Nahrungsergänzungsstoffe herstellen und vertreiben. Die erzielten Gewinne werden zum Teil wieder in Werbung investiert.

Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener, Essen

Die Nutzlosigkeit der Substitution wird nicht kommuniziert. Neurologen sind per se nicht in die Primärprävention von vaskulären Erkrankungen involviert. Dessen ungeachtet haben wir eine Aufklärungspflicht wenn es um Vitamine und Nahrungsergänzungsstoffe geht. Der Nutzen einer vegetarischen oder fleischarmen Ernährung liegt nicht nur in der Verhinderung von vaskulären Krankheiten, sondern hat auch erhebliche Auswirkungen auf die Umwelt und die drohende Klimakatastrophe. Die Info Neurologie + Psychiatrie wird daher auch in Zukunft über Studien zur Lebensführung und das Risiko vaskulärer Erkrankungen berichten.

Literatur

  1. 1.
    Kim J et al. Circ Cardiovasc Qual Outcomes 2018;11(7):e004224CrossRefGoogle Scholar
  2. 2.
    Khan SU et al. Ann Intern Med 2019;171(3):190–8CrossRefGoogle Scholar
  3. 3.
    Tong TYN et al. BMJ 2019;366Google Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  1. 1.Medizinische Fakultät der Universität Duisburg-EssenEssenDeutschland

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