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InFo Neurologie & Psychiatrie

, Volume 20, Issue 11, pp 24–24 | Cite as

Myotone Dystrophie Typ I

Verbessert Metformin die Beweglichkeit?

  • Heinz ReichmannEmail author
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Fragestellung: In einer randomisierten kontrollierten Studie sollte der Wirkeffekt von Metformin auf die Mobilität von Patienten mit myotoner Dystrophie Typ I untersucht werden.

Hintergrund: Die Autoren hatten in Voruntersuchungen an Zelllinien, die sie aus pluripotenten Stammzellen von Patienten mit einer myotonen Dystrophie Typ I gewonnen hatten, einen positiven Effekt von Metformin bezüglich der Normalisierung von Proteinisoformen nachweisen können. Bei Diabetespatienten hatten sie zudem positive Effekte für alternatives RNA-Splicing zeigen können. Auch bei einem myotonen Dystrophie-Mausmodell konnte die Autorengruppe bereits positive Effekte einer Metformin-Behandlung nachweisen. Da hierbei keine biologischen Effekte auf alternatives Splicing gezeigt wurden, spekulierten die Autoren, dass vielleicht andere molekulare Mechanismen, zum Beispiel Autophagie, Glykogensynthese oder Insulinsensitivität, für den positiven Effekt verantwortlich sein könnten. Daher planten die Autoren eine entsprechende randomisierte kontrollierte Studie bei Patienten mit myotoner Dystrophie Typ I (Curschmann-Steinert-Syndrom).

Patienten und Methodik: Es wurden 40 ambulante erwachsene Patienten mit dieser häufigsten Form der Muskeldystrophie rekrutiert und zu Placebo- und Metformin-Therapie randomisiert. Die Therapie erfolgte bis zum Ende der gesamten Studie verblindet. Die Patienten mussten sich noch ohne Hilfsmittel bewegen können und in der Lage sein, den 6-Minuten-Geh-Test (6MWT) zu absolvieren. Innerhalb der ersten vier Wochen wurde die tägliche Metformin-Dosis langsam auf maximal 3.000 mg pro Tag gesteigert. Diese Dosis wurde dann über 48 Wochen bis zum Studienende fortgeführt, womit die Patienten insgesamt ein Jahr lang Metformin oder Placebo erhielten.

Der primäre Zielparameter war die Veränderung der Wegstrecke im 6MWT, das heißt, es wurde ein Vergleich zwischen Baseline und Studienende gezogen. Weitere Outcome-Kriterien waren Veränderungen der Muskelkraft, Effekte auf die Myotonie, das Gehverhalten und biologische Parameter (molekulargenetische Untersuchung des alternativen Splicing).

Ergebnisse: Die Patienten beider Gruppen zeigten zu Studienbeginn vergleichbare physikalische Messwerte und einen identischen mittleren 6MWT. In den beiden Studiengruppen zeigten sich statistisch signifikante Verbesserungen der Wegstrecke innerhalb von sechs Minuten. Die neun Patienten, die Metformin erhalten hatten, konnten innerhalb von sechs Minuten im Schnitt 33 m weiter gehen, während die mit Placebo behandelten pro sechs Minuten lediglich 3,7 m weiter gehen konnten. Die Verbesserung der Gehfähigkeit war hochsignifikant zugunsten der Metforminbehandlung. Bezüglich der sekundären Endpunkte zeigte sich lediglich eine Gewichtsabnahme bei den Verumpatienten, während sich die anderen Parameter, das heißt auch die Myotonie und die Muskelkraft, in den beiden Studiengruppen nicht unterschieden. An Nebenwirkungen unter Metformin waren insbesondere gastrointestinale Dysfunktionen zu verzeichnen.

Schlussfolgerungen: Die Autoren betonen, dass diese Ergebnisse ermutigend sind und Anlass für eine Phase-III-Studie mit ausreichend vielen Patienten geben sollte.

Kommentar von Heinz Reichmann, Dresden

Für eine endgültige Bewertung von Metformin ist es noch zu früh

Diese Studie zeigt einen signifikanten Einfluss des Antidiabetikums Metformin auf die Wegstrecke im 6MWT bei Patienten mit myotoner Dystrophie. Diese Befunde sind relevant, weil die Patienten manchmal schon im mittleren Lebensalter erhebliche Probleme haben, aufrecht zu gehen und zum Teil rollstuhlpflichtig werden. Somit scheint die Metformin-Therapie insbesondere für die Muskeln des Achsenskeletts hilfreich zu sein. Obwohl die Autoren den entscheidenden Wirkmechanismus von Metformin auf die Erkrankung in dieser Studie nicht belegen konnten, gibt sie doch Anlass, eine gut geplante Phase-III-Studie durchzuführen, obwohl es auch einige Limitationen zu erwähnen gibt. Besonders kritisch zu betrachten ist selbstverständlich die kleine Zahl an Patienten (n = 9), die unter Metformin ein gesamtes Jahr in der Studie blieben. Darüber hinaus handelt es sich um eine monozentrische Studie. Nicht auszuschließen ist, dass leichte oder moderate Nebenwirkungen und die nicht optimale Compliance der Patienten auch zu einer Verfälschung der Studiendaten geführt haben. Deshalb wäre es derzeit noch zu früh, zu konstatieren, dass Patienten mit myotoner Dystrophie von einer Metformineinnahme profitieren würden.

Prof. Dr. med. Heinz Reichmann, Dresden

Literatur

  1. Bassez G, Audureau E, Hogrel JY et al. Improved mobility with metformin in patients with myotonic dystrophy type I: a randomized controlled trail. Brain 2018; 141: 2855–65CrossRefGoogle Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018

Authors and Affiliations

  1. 1.DresdenDeutschland

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