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InFo Neurologie & Psychiatrie

, Volume 20, Issue 11, pp 19–19 | Cite as

Stimmungsstabilisierer bei Borderline-Persönlichkeitsstörungen

Sicher — aber unwirksam

  • Jutta Stoffers-WinterlingEmail author
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Fragestellung: Ist Lamotrigin unter klinischen Praxisbedingungen bei Patienten mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) in der Langzeitbeobachtung wirksam und kosteneffektiv?

Hintergrund: Patienten mit einer BPS erhalten sehr häufig Antikonvulsiva, aufgrund ihrer Wirksamkeit in der Behandlung bipolarer Störungen auch als Stimmungsstabilisierer bezeichnet. Hintergrund ist die vermutete Wirksamkeit bei affektiver Labilität auch bei BPS, bei gleichzeitig relativer Sicherheit auch bei Überdosierung und ebenso relativ günstigem Nebenwirkungsprofil bei Langzeitgabe. Bislang vorliegende Studiendaten deuten auf eine mögliche Wirksamkeit hinsichtlich Impulsivität, Wut, interpersonellen Problemen und Depressivität hin.

Patienten und Methodik: In einer doppelblinden, placebokontrollierten, multizentrischen Studie wurden die Effekte von bis zu 400 mg Lamotrigin bei 276 erwachsenen Patienten mit BPS über einen Zeitraum von 52 Wochen untersucht. Die Gesamtschwere der BPS-Symptomatik wurde als primärer Endpunkt definiert. Sekundäre Endpunkte waren Depressivität, selbstverletzendes Verhalten, soziales Funktionsniveau, gesundheitsbezogene Lebensqualität, Therapietreue, Behandlungskosten sowie Nebenwirkungen.

Ergebnisse: Für keine einzige primäre oder sekundäre, pathologie-, sicherheits- oder kostenbezogene Ergebnisvariable fand sich ein signifikanter Unterschied zwischen der lamotriginbehandelten und der placebobehandelten Gruppe. Wenngleich nur ein Drittel der Patienten ihre jeweilige Medikation, das heißt Verum oder Placebo, wie vorgesehen über den gesamten Beobachtungszeitraum einnahm, so zeigte sich gleichzeitig, dass die Therapietreue in keinem Zusammenhang mit dem Behandlungsergebnis stand: Auch als im Rahmen von Post-hoc-Sensitivitätsanalysen ausschließlich die Daten von therapietreuen Patienten analysiert wurden, blieben signifikante Gruppenunterschiede aus.

Schlussfolgerung: Bei BPS ist eine Therapie mit Lamotrigin zwar sicher, jedoch weder klinisch wirksam noch kosteneffektiv.

Kommentar von Jutta Stoffers-Winterling, Mainz

Die gängige Verschreibungspraxis muss überdacht werden

Die vorliegende Studie hat das Potenzial, die gängige Verschreibungspraxis grundlegend zu verändern. Bislang wurden Stimmungsstabilisierer bei BPS als potenziell hilfreich zur Behandlung von Symptomen wie Impulsivität, Ärger und Depressivität erachtet und aufgrund des relativ günstigen Nebenwirkungsprofils gerne verschrieben. Tatsächlich erhält etwa ein Drittel der stationär behandelten BPS-Patienten Antikonvulsiva [1].

Die zugehörige Datenbasis war jedoch bislang dürftig. Es gab zwei randomisierte kontrollierte Studien mit relativ kleinen Stichproben (jeweils 27 Patientinnen), kurzen Beobachtungszeiträumen von acht und zwölf Wochen, in denen positive Effekte von Lamotrigin auf Impulsivität und Ärger gefunden wurden [2]. Die vorliegende Studie erweitert die Evidenz um Daten von 276 weiteren Patienten, die über einen ausreichend langen Zeitraum beobachtet wurden. Das Fehlen irgendeines signifikanten Effekts für wenigstens eine einzige Ergebnisvariable ist tatsächlich frappierend — und dennoch hochgradig glaubwürdig. Die Studie besitzt eine ausreichende Teststärke, um klinisch relevante Effekte als signifikant zu erkennen. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass weitere Untersuchungen zu einem anderen Ergebnis kommen werden. Eine weitere Stärke der vorliegenden Studie ist, dass sie unter weitgehend praxisnahen Bedingungen durchgeführt wurde, wobei beispielsweise sehr weite Einschlusskriterien und kaum Ausschlusskriterien zur Anwendung kamen, um eine möglichst repräsentative Stichprobe zu generieren.

Sind nun Antipsychotika und SSRI, wie sie ja ohnehin schon der Mehrheit der BPS-Patientinnen und Patienten verschrieben werden, das Mittel der Wahl? Keineswegs! Aus dem Fehlen von Belegen für die Wirksamkeit einer Substanz darf nicht auf die bessere Wirksamkeit einer anderen geschlossen werden. Tatsächlich ist die Evidenzlage für SSRI mehr als dürftig, und auch für Antipsychotika (mit Ausnahme von Olanzapin) weder ermutigend, was die Effektstärken angeht, noch so robust, als dass sie abschließend bewertbar wäre [2]. Insofern gilt weiterhin das Primat von Psychotherapie vor Pharmakotherapie, und das Prinzip einer grundsätzlich zurückhaltenden Medikation bei BPS.

Dipl.-Psych. Jutta Stoffers-Winterling

Referenzen

  1. 1.
    Bridler R et al. Eur Neuropsychopharmacol 2015; 25: 763–72CrossRefGoogle Scholar
  2. 2.
    Stoffers JM, Lieb K. Curr Psychiatry Rep 2015; 17: 534CrossRefGoogle Scholar
  3. a.
    Crawford MJ, Sanatinia R, Barrett B et al. The clinical effectiveness and cost-effectiveness of lamotrigine in borderline personality disorder: A randomized placebo-controlled trial. Am J Psychiatry 2018; 175: 756–64CrossRefGoogle Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018

Authors and Affiliations

  1. 1.Klinik für Psychiatrie und PsychotherapieUniversitätsmedizin MainzMainzDeutschland

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