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InFo Neurologie & Psychiatrie

, Volume 20, Issue 11, pp 15–15 | Cite as

Nebenwirkungen der Statintherapie

Relevant sind nur die Muskelsymptome

  • Springer Medizin
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Fragestellung: Welche relevanten Nebenwirkungen können bei einer länger dauernden Statintherapie auftreten?

Hintergrund: Statine sind Standard bei Patienten mit vaskulären Erkrankungen, inklusive koronarer Herzerkrankung (KHK), transitorischer ischämischer Attacke (TIA) oder ischämischem Insult und peripherer arterieller Verschlusskrankheit (pAVK). Am häufigsten sind muskelassoziierte Symptome und Muskelschädigungen. Die Bedeutung anderer potenzieller unerwünschter Arzneimittelwirkungen (UAW) ist zum Teil noch umstritten.

Patienten und Methodik: Die Autorengruppe der European Guidelines for Cardiovascular Disease führte eine systematische Literaturrecherche zu UAW bei Statinen durch. Neben der Darstellung der Studienlage wurden Empfehlungen ausgesprochen.

Ergebnisse: Muskelassoziierte Symptome: Bei einem Teil der mit Statinen behandelten Patienten kommt es zu Muskelschmerzen und Paresen, die üblicherweise symmetrisch und proximal betont sind. Sie müssen nicht notwendigerweise mit einer Erhöhung der Kreatinkinase verbunden sein. Muskelassoziierte Symptome treten meist zu Beginn der Behandlung oder nach einer Dosiserhöhung auf. Besonders gefährdet sind ältere Menschen im Alter über achtzig Jahre und Personen mit niedrigem Körpergewicht, vorbestehenden Muskelerkrankungen sowie akuten Infektionen. Bei Verdacht auf muskelassoziierte Symptome muss die Statindosis reduziert oder das Statin abgesetzt werden.

Glukosehomöostase: Statine führen zu einer leichten Erhöhung der Blutglukose. In einer Metaanalyse von 13 randomisierten Studien mit 91.140 Patienten mit Diabetes mellitus erhöhte eine Statinbehandlung das Risiko eines Diabetes mellitus um etwa 9 % (1 Fall pro 1.000 Patientenjahre). Ein erhöhtes Risiko besteht bei Personen mit metabolischem Syndrom oder Prädiabetes. Der Nutzen der Statinbehandlung ist allerdings deutlich höher als das Diabetesrisiko.

Kognition: Rein theoretisch könnte eine Statintherapie die vaskuläre Komponente von degenerativen Demenzen positiv beeinflussen. Andererseits wurde befürchtet, dass ein zu niedriges LDL-Cholesterin (LDL-C) zu einer Verschlechterung kognitiver Funktionen führen könnte. Die Metaanalyse zeigte, dass eine Statintherapie keinen Einfluss auf kognitive Funktionen hat. Dies galt auch für extrem niedrige LDL-C-Spiegel wie sie unter einer Therapie mit PCSK9-Hemmern erreicht werden.

Nierenfunktion: Eine Therapie mit Statinen führt nicht zu einer klinisch bedeutsamen Verschlechterung der Nierenfunktion. Bei Patienten mit deutlich ausgeprägter Nierenfunktionsstörung sollte allerdings die Dosis adaptiert werden.

Leberfunktion: Ein geringer Anstieg der Leberenzyme wird bei 0,5 % bis 2 % aller mit Statinen behandelten Patienten nach drei Monaten beobachtet. In extrem seltenen Fällen kann es bei hohen Statinendosen zu einer Lebertoxizität kommen (Risiko etwa 1,2 pro 100.000 Patienten). Eine geringe Erhöhung der Leberenzyme ist klinisch nicht bedeutsam. Dies gilt auch für Patienten mit Fettleber. Daher ist eine routinemäßige Kontrolle der Leberwerte nicht gerechtfertigt.

Zerebrale Blutungen: Eine Metaanalyse mit 258.391 Patienten zeigte kein erhöhtes Risiko einer intrazerebralen Blutung unter einer Statintherapie. Dies galt für randomisierte Studien, Kohortenstudien und Fall-Kontroll-Studien. Statine erhöhen nicht das Risiko von zerebralen Blutungen, führen allerdings zu einer signifikanten Reduktion ischämischer Schlaganfällen. Dies gilt sowohl für die Primär- als auch für die Sekundärprävention.

Katarakt: Eine Metaanalyse von 313.200 Patienten in Kohortenstudien, Fall-Kontroll-Studien und randomisierten Studien fand kein erhöhtes Kataraktrisiko unter einer Statintherapie. Daher können Statine auch bei Patienten mit beginnender oder manifester Katarakt eingesetzt werden.

Schlussfolgerungen: Mit Ausnahme der bekannten muskelassoziierten UAW ist eine langfristige Statintherapie sicher und führt insbesondere nicht zu kognitiven Einschränkungen oder einem erhöhten Risiko zerebraler Blutungen.

Kommentar von Hans-Christoph Diener, Essen

Kein erhöhtes Risiko intrazerebraler Blutungen

Die Autoren der Publikation weisen zu Recht darauf hin, dass es erhebliche Diskrepanzen zwischen dem wahrgenommenen und dem tatsächlichen Risiko von Statinen gibt. Klinisch bedeutsam sind die Nebenwirkungen im Bereich der Muskulatur, wobei hier jeweils Therapiepausen eingelegt werden müssen, um den kausalen Zusammenhang zwischen der Statineinnahme und den Muskelschmerzen zu belegen. Eine Reihe von Studien hat gezeigt, dass es unter Placebo zu einer nicht unerheblichen Rate von Muskelbeschwerden kommt. Das gering erhöhte Risiko eines Diabetes mellitus insbesondere bei Personen mit Prädiabetes sollte Anlass sein, Patienten zur Gewichtsreduktion zu motivieren. Für den Bereich der Neurologie ist relevant, das Statine auch bei einem sehr niedrigen LDL-C-Spiegel nicht zu einer Verschlechterung kognitiver Funktionen führen, diese allerdings auch nicht verbessert. Für Schlaganfall-Neurologen ist die Erkenntnis wichtig, dass es unter Statinen nicht zu einem erhöhten Risiko intrazerebraler Blutungen kommt.

Literatur

  1. Mach F, Ray KK, Wiklund O et al. Adverse effects of statin therapy: perception vs. the evidence — focus on glucose homeostasis, cognitive, renal and hepatic function, haemorrhagic stroke and cataract. Eur Heart J 2018; 39: 2526–39CrossRefGoogle Scholar

Copyright information

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Authors and Affiliations

  • Springer Medizin

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