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InFo Neurologie & Psychiatrie

, Volume 20, Issue 11, pp 13–13 | Cite as

Strategien zur Tabakabstinenz

Finanzielle Anreize sind erfolgreicher als E-Zigaretten

  • Derik HermannEmail author
journal club
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Fragestellung: In einer Population unselektierter Raucher wurden fünf Strategien zum Rauch-Stopp verglichen, die auf Information und Aufklärung, pharmakologische Ausstiegshilfen oder finanzielle Belohnungssysteme setzten.

Hintergrund: Noch immer stellt Rauchen den bedeutsamsten vermeidbaren Risikofaktor für kardiovaskuläre, pulmonale und maligne Erkrankungen dar. Unklar ist, welche Behandlungsansätze zur Beendigung des Rauchens erfolgversprechend sind.

Patienten und Methodik: In den USA wurden 6.131 Raucher vom Arbeitgeber eingeladen, an einem von fünf Programmen zur Beendigung des Zigarettenrauchens teilzunehmen. 125 Raucher lehnten die Teilnahme ab, 6.006 Raucher wurden eingeschlossen. Primäres Outcome-Kriterium war eine durch Urin- und Blutanalyse bestätigte Tabakabstinenz über sechs Monate. Alle Studienteilnehmer erhielten Zugang zu Informationen über die Vorteile einer Tabkabstinenz und einen motivierenden SMS-Service. Vier randomisierten Gruppen wurden weitere Behandlungen angeboten: (1) Ausstiegshilfen wie Nikotinersatz, Bupropion, Vareniclin, und falls erfolglos E-Zigaretten, (2) E-Zigaretten, (3) Ausstiegshilfen wie unter (1) plus 600 US-$ Belohnung für nachgewiesene Abstinenz, (4) kostenlose Ausstiegshilfen wie unter (1) plus sofortige Zahlung von 600 US-$ auf ein virtuelles Konto, von dem bei Nichteinhalten der Abstinenz 100, 200 oder 300 US-$ nach einem, drei und sechs Monaten abgezogen wurden. 19,8% der Studienteilnehmer riefen aktiv Rauchstoppinformationen auf der Wellness-Internetseite des Arbeitgebers auf und wurden als motivierte und engagierte Subgruppe zusätzlich analysiert.

Ergebnisse: Die Abstinenzraten nach sechs Monaten betrugen 0,1% für Information/SMS, 0,5% für Nikotinersatz/Bupropion/Vareniclin, 1,0% für E-Zigaretten, 2% in der finanziellen Belohnungsgruppe und 2,9% in der finanziellen Belohnungsgruppe mit Abzug bei Nichteinhalten der Abstinenz. In der engagierten Subgruppe zeigten sich vier- bis sechsmal höhere Abstinenzraten von 0,7% für Information/SMS, 2,9% für Nikotinersatz/Bupropion/ Vareniclin, 4,8% für E-Zigaretten, 9,5% in der Belohnungsgruppe und 12,7% in der Gruppe mit Geldabzug.

Schlussfolgerungen: Finanzielle Anreize führten zu höheren Abstinenzraten als alleinige Informationen. Pharmakologische Ausstiegshilfen und E-Zigaretten erhöhten die Abstinenzrate nicht wesentlich.

Kommentar von Derik Hermann, Mannheim

Erfolgsquoten und Kosten von Abstinenzmaßnahmen sind kalkulierbar

In dieser Studie war eine doppelte Verblindung der Therapieformen nicht möglich, aber die Auswertung erfolgte verblindet. Damit erreicht sie mit 4 von 5 Jadad Punkten eine hohe methodische Qualität. Anders als in vielen anderen Studien wurden hier unselektiert Raucher eingeschlossen, die keine Motivation für eine Tabakabstinenz aufwiesen. Dies erklärt die niedrigen Abstinenzzahlen. Besteht eine gewisse Veränderungsbereitschaft wie in der engagierten Gruppe dieser Studie, ergeben sich deutlich höhere Abstinenzraten. Noch höhere Abstinenzraten von bis zu 30 % werden erreicht, wenn nur ausstiegsmotivierte Raucher eingeschlossen werden, oder kürzlich eine tabakassoziierte Erkrankung diagnostiziert wurde. Für die Einordnung dieser Studie muss beachtet werden, dass nicht erhoben wurde, ob die Hilfen zum Rauchstopp überhaupt genutzt wurden, und wenn ja, in welcher Intensität. Diese Ergebnisse können daher nicht ohne weiteres generalisiert oder auf andere Populationen übertragen werden. Nach einem Herzinfarkt könnte zum Beispiel ein finanzieller Anreiz weniger attraktiv sein als eine medikamentöse Unterstützung zum Rauchstopp. Cochrane Analysen belegen eine um 55 % höhere Abstinenzrate mit Nikotinersatz versus ohne Nikotinersatz [1]. Der Wert dieser Studie besteht darin, dass sich Erfolgsquoten und Kosten für Tabakabstinenzmaßnahmen in einer unselektierten Bevölkerung kalkulieren lassen. Einen besonderen Charme haben dabei Belohnungszahlungen für längere Abstinenz, die nur Kosten verursachen, wenn die Abstinenz auch wirklich eingehalten wird.

Prof. (apl.) Dr. Derik Hermann, Mannheim

Referenz

  1. 1.
    Hartmann-Boyce J et al. Cochrane Database Syst Rev 2018 May 31; 5: CD000146Google Scholar
  2. a.
    Halpern SD, Harhay MO, Saulsgiver K et al. A pragmatic trial of e-cigarettes, incentives, and drugs for smoking cessation. N Engl J Med 2018; 378: 2302–10CrossRefGoogle Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018

Authors and Affiliations

  1. 1.Klinik für Abhängiges Verhalten und SuchtmedizinZentralinstitut für Seelische GesundheitMannheimDeutschland

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