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InFo Neurologie & Psychiatrie

, Volume 20, Issue 7–8, pp 17–17 | Cite as

Genesung psychischer Erkrankungen

Einfluss von Selbststigmatisierung auf die Gesundung

  • Stefanie Wagner
journal club
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Fragestellung: Beeinflusst das Ausmaß der Selbststigmatisierung die Genesung einer psychischen Erkrankung?

Hintergrund: Psychische Erkrankungen sind in der Gesellschaft mit vielen Vorurteilen behaftet, was häufig zu sozialer Ungleichheit und der Diskriminierung von Personen mit psychischen Erkrankungen führt. Neben der gesellschaftlichen Stigmatisierung leiden viele Patienten auch unter einer Selbststigmatisierung, welche sich negativ auf das Selbstbewusstsein und die Selbstwirksamkeit auswirkt. Konsequenzen dieser Selbststigmatisierung sind eine erhöhte Hoffnungslosigkeit sowie Wertlosigkeitsgefühle und eine geringer Zuversicht in die Zukunft. Querschnittsstudien haben zudem gezeigt, dass sich die Selbststigmatisierung negativ auf das Therapieansprechen auswirkt. Längsschnittstudien zum Einfluss von Selbststigmatisierung auf die Genesung von psychischen Erkrankungen fehlen bisher.

Patienten und Methodik: In dieser randomisierten, kontrollierten Studie wurden 250 Probanden, die aufgrund psychischer Erkrankungen frühberentet sind, zufällig auf zwei Behandlungsarme aufgeteilt (Individual Placement and Support [IPS] versus Treatment as usual). Die Probanden waren zwischen 18 und 60 Jahren und befanden sich in psychiatrischer oder psychotherapeutischer Behandlung. Bei Baseline sowie nach einem und zwei Jahren wurden die Genesung mit der „Recovery Assessment Scale“ sowie die Selbststigmatisierung mithilfe der „Stigma of Mental Illness Scale“ erfasst. Die Psychopathologie wurde mit der Symptom-Checkliste (SCL-90) erhoben. Der Zusammenhang zwischen Selbststigmatisierung und Recovery wurde an allen Messzeitpunkten mit Korrelationsanalysen und linearen Regressionen untersucht.

Ergebnisse: Die Patienten waren bei Studienbeginn im Mittel 43 Jahre alt, etwa die Hälfte der Probanden waren Frauen. 46 % der Untersuchten waren aufgrund affektiver Störungen frühberentet, 16 % aufgrund schizophrener oder schizo-affektiver Störungen und 17 % aufgrund von Persönlichkeitsstörungen. Die Ergebnisse zeigten, dass sich ein hohes Maß an Selbststigmatisierung negativ auf die Genesung nach einem Jahr auswirkte.

Schlussfolgerungen: Die Studie ergab erste Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen dem Ausmaß der Selbststigmatisierung und der Genesung nach einem Jahr, aber nicht nach zwei Jahren. Zudem war eine Zunahme der Selbststigmatisierung von Baseline bis zum zweiten Messzeitpunkt (1 Jahr) negativ assoziiert mit der Recovery.

Kommentar von Stefanie Wagner, Mainz

Hohes Maß an Selbststigmatisierung wirkt sich negativ aus

Die Autoren untersuchten in einer Längsschnittstudie den Einfluss von Selbststigmatisierung auf die Recovery von psychischen Störungen und fanden heraus, dass sich ein hohes Maß an Selbststigmatisierung negativ auf die Genesung psychischer Erkrankungen auswirkt. Die Studie besitzt hohe klinische Relevanz, da sie zeigt, dass es von großer Wichtigkeit für die längerfristige Stabilität der Patienten mit psychischen Erkrankungen ist, die Selbststigmatisierung der Patienten zu erfassen und gezielt psychotherapeutisch zu behandeln.

Als randomisierte, kontrollierte Studie ist die Untersuchung von hoher Qualität. Trotz allem weist sie einige Schwächen auf. Die Autoren beschreiben zu Beginn, dass die Patienten in zwei Arme randomisiert wurden, greifen diese beiden Arme aber weder in der Darstellung der Ergebnisse noch in der Diskussion wieder auf, sodass offen bleibt, ob sich die beiden Gruppen im Zusammenhang zwischen Selbststigmatisierung und Recovery unterscheiden. Wie die Autoren selbst einschränkend erläutern, haben sie ausschließlich Probanden in ihre Studie eingeschlossen, die aufgrund von psychischen Störungen frühberentet sind, was eine Generalisierung der Ergebnisse erschwert. Zudem macht der Artikel keinerlei Angaben zur medikamentösen oder psychotherapeutischen Behandlung der Probanden, welche sicher einen großen Einfluss auf die Genesung haben und damit die Ergebnisse der Studie erheblich beeinflussen können. Auch wurde berichtet, dass mithilfe des SCL-90 die Psychopathologie erhoben wurde, allerdings fehlen die Ergebnisse dazu im Ergebnisteil, sodass sich der Leser nur schwer ein Bild vom Gesundheitszustand der Probanden bei Studienbeginn machen kann.

Dr. Stefanie Wagner, Mainz

Literatur

  1. Oexle N, Müller M, Kawohl W et al. Self-stigma as a barrier to recovery: a longitudinal study.Eur Arch Psychiatry Clin Neurosci 2018; 268: 209–12CrossRefPubMedGoogle Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018

Authors and Affiliations

  1. 1.Klinik für Psychiatrie und PsychotherapieUniversitätsmedizin MainzMainzDeutschland

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