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InFo Neurologie & Psychiatrie

, Volume 20, Issue 7–8, pp 11–11 | Cite as

Pflichtbewusstsein im Vorlauf leicht erniedrigt

Es gibt keinen alzheimerspezifischen Persönlichkeitswandel vor Demenzbeginn

  • Michael Hüll
journal club

Fragestellung: Sind Veränderungen der Persönlichkeit schon vor dem Beginn der demenziellen Symptomatik einer Alzheimer-Erkrankung zu beobachten?

Hintergrund: Neuropathologische und nuklearmedizinische Untersuchungen legen nahe, dass die Hirnamyloidose schon zehn Jahre vor der demenziellen Symptomatik der Alzheimer-Erkrankung auftritt und das Verhalten beeinflussen könnte.

Patienten und Methodik: Seit 1958 werden im Rahmen einer Längsschnittbeobachtungsstudie in Baltimore ältere Menschen regelmäßig untersucht. Die Daten von 2.046 Teilnehmern, bei denen seit 1980 auch wiederholte Selbsteinschätzungen zur Persönlichkeit (NEO Personality Inventory) vorlagen, wurden in Bezug zu einem späteren Auftreten einer leichten kognitiven Störung (MCI) oder einer Alzheimer-Demenz analysiert.

Ergebnisse: Von 2.046 Personen entwickelten 104 ein MCI und 255 eine Demenz, darunter 194 eine Alzheimer-Demenz. Letztere zeigten höhere Ausgangswerte in der Skala für Neurotizismus und niedrigere Werte in den Skalen für Pflichtbewusstsein oder Extroversion. Im Rahmen des Alterns fanden sich für alle Studienteilnehmer unabhängig von einer späteren Demenz leichte, gleichsinnige Trends in den Veränderungen der Skalenwerte (Abnahme des Neurotizismus, Zunahme des Pflichtbewusstseins).

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Änderungen von Neurotizismus und Pflichtbewusstsein bei Personen mit späterer AD und solchen ohne kognitive Einschränkung.

Terracciano A et al. JAMA Psychiatry 2017; 74: 1259–65

Schlussfolgerungen: Die Autoren folgern, dass es im Vorfeld einer Demenz nicht zu spezifischen Persönlichkeitsveränderungen kommt. Sie schließen weiter daraus, dass bestimmte Persönlichkeitszüge (geringeres Pflichtbewusstsein) das Risiko für eine Demenz leicht erhöhen.

Kommentar von Michael Hüll, Emmendingen

Es gibt keine Alzheimer-Persönlichkeit!

Eine Alzheimer-Erkrankung, die Jahre vor Beginn einer dementiellen Symptomatik bereits zu einer Hirnamyloidose führt, könnte auch vorlaufend zu spezifischen Persönlichkeitsveränderungen führen. So sind bei anderen, zu einer Demenz führenden Erkrankungen, zum Beispiel bei der Frontotemporalen Degeneration (M. Pick) oder der Huntington’schen Erkrankung, gerade spezifische Persönlichkeitsänderungen die ersten diagnostischen Zeichen. Die vorliegende Untersuchung zeigt, dass die Hirnamyloidose nicht zu spezifischen Persönlichkeitsveränderungen im Vorstadium führt. Die Einschätzung, dass ab dem mittleren Demenzstadium viele Verhaltensänderungen auch als organischer Persönlichkeitswandel wahrgenommen werden können, bleibt von diesem Ergebnis unberührt.

Das weitere Ergebnis, dass im Gruppenvergleich lange vor dem Beginn einer Demenz eine leichte Erhöhung in der Neurotizismus-Skala und eine leichte Erniedrigung in der Pflichtbewußtseinsskala zu finden sind, ist schwieriger zu interpretieren. Eventuell können diese kleinen Auffälligkeiten (Gruppenunterschiede von 0,3 Standardabweichungen) über ein verändertes Gesundheitsverhalten (Diätverhalten, Einnahme von Medikamenten bei Hypertonie oder Diabetes) das Demenzrisiko beeinflussen, wie dies bereits für verschiedene chronische Erkrankungen im Alter gezeigt wurde [1].

Prof. Dr. med. Michael Hüll, Emmendingen

Referenz

  1. 1.
    Bogg T, Roberts BW. Ann Behav Med 2013; 3: 278–88CrossRefGoogle Scholar

Literatur

  1. Terracciano A, An Y, Sutin AR et al. Personality change in the preclinical phase of alzheimer disease. JAMA Psychiatry 2017; 74: 1259–65CrossRefPubMedPubMedCentralGoogle Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018

Authors and Affiliations

  1. 1.Klinik für Geronto- und NeuropsychiatrieEmmendingenDeutschland

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