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InFo Hämatologie + Onkologie

, Volume 22, Issue 11, pp 82–82 | Cite as

Alles was Recht ist

Lipomentfernung mit Folgen?

  • Martin Sebastian Greiff
Praxis aktuell

Von der Norm abweichende Befunde der Brust sind für Patientinnen natürlich beängstigend und oft Anlass haftungsrechtlicher Auseinandersetzungen — selbst bei nicht malignen Befunden.

Eine 75-jährige Patientin konfrontierte ihren Gynäkologen mit dem Vorwurf unzureichender Diagnostik und Aufklärung. Sie hatte sich am 27. September wegen eines selbst bemerkten Knotens in ihrer linken Brust vorgestellt. Der Arzt ertastete eine erbsengroße Geschwulst, stufte diese aufgrund zahlreicher konkreter, in der Dokumentation festgehaltener Charakteristika eindeutig als Lipom ein und kommunizierte seiner Patientin, dass es sich um keinen bösartigen Tumor handele, der entfernt werden müsse. Die Klägerin wünschte dennoch die Entfernung und blieb auch bei diesem Standpunkt trotz einer erst noch einmal anberaumten Kontrolle. Nach mehrfacher Aufklärung wurde der Knoten daher am 13. Mai entfernt. Anfangs verlief die Wundheilung komplikationslos. Am 27. Mai erkrankte die Patientin jedoch an einer Pneumonie und musste erneut in die Klinik eingewiesen werden.

Am 22. Juli beklagte die Patientin Schmerzen an der Brust und wurde von einem anderen Arzt zu einer Stanzbiopsie in eine Klinik überwiesen, die keinen Anhalt für einen bösartigen Befund ergab. Trotzdem wurde nochmals ein ambulanter Eingriff mit partieller Exzision von Mammagewebe durchgeführt. Die Klägerin rügte nun die Indikation des Ersteingriffs, da ihrer Ansicht nach vor der Lipomentfernung noch ein Ultraschall und schon eine Biopsie zu machen gewesen wären. Diese hätten die Gutartigkeit des Knotens eindeutig belegt, sodass sie dann auf den Eingriff verzichtet hätte, den sie im Nachhinein für alle späteren Folgen verantwortlich machte.

So sah das Gericht den Fall

Das LG Hof wies die Klage nach Einholung eines Gutachtens und ergänzender Anhörung des Sachverständigen sowie der Parteien ab (Urt. v. 24.5.2019, Az. 25 O 29/17). Der Sachverständige hielt die palpatorische Untersuchung zur Diagnose des Lipoms aufgrund der im konkreten Fall charakteristisch beschriebenen Befunde für ausreichend und weitere diagnostische Maßnahmen (Ultraschall, Stanze) für nicht zwingend. Dies wäre allenfalls zu fordern gewesen, wenn der Arzt unsicher gewesen wäre. Die Abtastung war daher Mittel der Wahl, zumal die Patientin auf jeden Fall — selbst bei der klaren Aussage zum benignen Befund — ohnehin schon dessen Entfernung wollte. Angesichts der besonderen Umstände sah der Sachverständige deshalb auch keine Verpflichtung, die Patientin nun noch zusätzlich zu verunsichern und über weitere, theoretisch denkbare Diagnostik zu sprechen. Auch rechtlich sah das Gericht diese Pflicht nicht, da die medizinische Indikation zu weiteren Befunderhebungen klar verneint worden war. Die Klägerin hatte außerdem im Rahmen ihrer Befragung eingeräumt, dass sie dem Beklagten ihre im Prozess streitig vorgetragene Unsicherheit damals nicht mitteilte, im Gegenteil unbedingt wollte, dass „der Knoten“ rauskomme.

© Davorin Wagner / Chirurgie im Bild — Symbolbild

Selbst wenn man ein Aufklärungsdefizit unterstellt hätte, wäre deshalb letztlich der Einwand der hypothetischen Einwilligung durchgedrungen. Zwar hatte die Klägerin nachträglich gesagt, dass sie von der Erst-OP vermeintlich doch abgesehen hätte, wenn noch eine unauffällige Stanzbiopsie vorgelegen hätte. Das Gericht hatte aber den Eindruck, dass es sich dabei um eine erst durch spätere Erkenntnisse geprägte Sicht handelte — zumal die Klägerin sich widersprüchlich einließ und sogar später erneut Gewebe entfernen ließ, obwohl mittlerweile eine unauffällige Stanzbiopsie erfolgt war. Der Sachverständige stellte im Gegenteil sogar die Indikation zur späteren Stanzbiopsie und des Folgeeingriffs infrage, da hier ein angeblich zu klärender „alter/neuer Lipombefund“ mit einem Wundhämatom verwechselt worden sein dürfte.

Was bedeutet das Urteil für den klinischen Alltag?

Das Urteil ist sehr stark von den Umständen des konkreten Einzelfalls geprägt, denn selbstverständlich ist grundsätzlich erst einmal ein neu auftretender Befund im Sinne der einschlägigen S3-Leitlinie zur „Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Mammakarzinoms“ als potenziell maligne umfassend zu untersuchen, was regelmäßig auch bildgebende und histologische Befunderhebungen einschließt. Dennoch war das Klagevorbringen von Anfang an zu widersprüchlich und wie so oft war eigentlicher Auslöser eine zum einen laienhafte Fehlvorstellung und zum anderen wohl Fehlinformation durch die Nachbehandler. Denn die Patientin nahm ursprünglich vor allem an, dass das Lipom nicht ganz ausgeräumt worden sei. Wie sich zeigte, war diese Annahme aber falsch, vielmehr sogar eher ein Fehler der Nachbehandler zu sehen.

Dr. Martin Sebastian Greiff, Mag. rer. publ.

© Martin S. Greiff

Copyright information

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Authors and Affiliations

  • Martin Sebastian Greiff
    • 1
  1. 1.MünchenDeutschland

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