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InFo Onkologie

, Volume 21, Issue 6, pp 3–5 | Cite as

Versorgungsforschung

How many miles to go — ist die Personenzentrierung schon gelungen?

  • Springer Medizin
editorial
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© Cathy Yeulet/Hemera/Thinkstock (Symbolbild mit Fotomodell(en))

Der 17. Deutsche Kongress für Versorgungsforschung widmete sich vom 10. bis 12. Oktober 2018 in Berlin intensiv der patientenzentrierten Versorgungsforschung. Das Motto lautete: „Personenzentriert forschen, gestalten und versorgen“. Seit vielen Jahren streben sowohl Patientinnen und Patienten, die Gesundheitspolitik, als auch die Versorgungsforschung gezielte Veränderungen an, um die Patientenorientierung des Gesundheitswesens weiter zu erhöhen. In der Onkologie hat dieses Ansinnen eine lange Tradition, auch aufgrund der häufig komplexen individuellen Entscheidungs- und Behandlungssituationen, bei denen die Präferenzen der Betroffenen eine große Rolle spielen.

Patientenbedürfnisse erfassen und einbeziehen

Eine personenzentrierte onkologische Versorgung beinhaltet eine explizite Ausrichtung an den Bedürfnissen von Patientinnen und Patienten und ihrer Angehörigen sowie deren aktive Beteiligung bei allen Versorgungsprozessen und medizinischen Entscheidungen. In der onkologischen Versorgung hat der Nationale Krebsplan unter Koordination des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) seit 2008 in der Umsetzung einer personenzentierten Versorgung eine Schrittmacherfunktion übernommen [https://tinyurl.com/Krebsplan]. Für zentrale Handlungsfelder wurden zahlreiche Ziele zur Weiterentwicklung der Versorgung von Krebskranken formuliert: Zum Beispiel sollen alle Patientinnen und Patienten bei Bedarf eine angemessene psychoonkologische Versorgung erhalten. Konkret bedeutet dies, dass die Erkennung psychosozialen Unterstützungsbedarfs bei Krebspatientinnen und -patienten sowie ihren Angehörigen verbessert und dass eine flächendeckende psychoonkologische Versorgung im stationären und ambulanten Bereich sichergestellt werden soll.

Prof. Dr. med. Dr. phil. Dipl.-Psych. Martin Härter

Direktor des Instituts und der Poliklinik für Medizinische Psychologie am Universitätsklinikum Hamburg m.haerter@uke.de

© UKE Hambirg

Was wissen wir dazu? Wie weit ist diese Forderung in allen Bundesländern und Regionen in Deutschland schon umgesetzt? Hierzu stehen bisher weder verlässliche Daten zum bundesweiten Angebot noch zur Inanspruchnahme zur Verfügung. Als Maßnahme zur Zielerreichung fördert das BMG daher seit 2016 das Forschungsprojekt „Psychoonkologische Versorgung in Deutschland: Bundesweite Bestandsaufnahme und Analyse“ am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Die Ergebnisse werden im Herbst diesen Jahres vorgelegt.

Adäquate Beratungs- und Hilfsangebote bereitstellen

Eine zweite zentrale Forderung lautet: Niederschwellige, zielgruppengerechte und qualitätsgesicherte Informationsangebote sowie qualitätsgesicherte Beratungs- und Hilfsangebote sollen allen Krebsbetroffenen und ihre Angehörigen zur Verfügung stehen. Hier ist es zunächst notwendig, die Qualität und Seriosität der vorhandenen Informations- und Beratungsangebote sicherzustellen und weiterzuentwickeln, wobei neben der formalen auch die inhaltliche Qualität von Gesundheitsinformationen Beachtung finden soll.

Die Anforderungen an die Qualität von Informationen sind jedoch nicht alleine krebsspezifisch, sondern müssen in einem weiteren Kontext zur sogenannten Gesundheitskompetenz („health literacy“) von Betroffenen und Angehörigen betrachtet werden. Entsprechende Qualitätskriterien für evidenzbasierte Gesundheitsinformationen liegen vor [z. B. www.ebm-netzwerk.de/gpgi].

Weiterhin wurde das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) mit der Entwicklung eines Konzepts für ein „Nationales Gesundheitsportal“ beauftragt. Das Portal soll Gesundheitsinformationen bereitstellen, die qualitätsgesichert, einfach verständlich, nicht kommerziell und werbefrei sind. Es soll damit einen wichtigen Beitrag zur Steigerung der allgemeinen Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung leisten. Kern des Konzepts ist, dass Anbieter von evidenzbasierten Informationen zu Gesundheitsfragen sich — freiwillig und unter Beibehaltung ihrer Eigenständigkeit — auf gemeinsame Qualitätsstandards einigen und ihre Inhalte auf einer kooperativen Plattform bereitstellen [https://tinyurl.com/Gesundheitsportal].

Kommunikationskompetenz der Behandler stärken

Ein weiteres Ziel ist schließlich die Förderung bzw. Verbesserung der kommunikativen Kompetenzen der in der onkologischen Versorgung tätigen multiprofessionellen Behandlungsteams. Dies umfasst zum Beispiel eine verständliche Informationsvermittlung im Hinblick auf die Diagnose, die verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten und den Krankheitsverlauf. Gleichzeitig geht es darum, ungünstige Nachrichten einfühlsam zu überbringen. Auf der Basis dieser verbesserten Kommunikation soll es gelingen, gemeinsam mit Patientinnen und Patienten und deren sozialem Umfeld diagnostische und therapeutische Maßnahmen gemeinsam zu entscheiden und umzusetzen. Sowohl das patientenzentrierte Gespräch als auch eine partizipative Entscheidungsfindung setzen neben entsprechenden sozialen und kommunikativen Kompetenzen seitens der Versorgungsteams auch entsprechende Kompetenzen auf Seiten der Patienten voraus.

Wie ist der Status quo?

Nur wenige Studien in der Onkologie können uns Auskunft geben, welche Qualität hier bislang erreicht worden ist. Qualitative Forschungsarbeiten belegen, dass eine partizipative Entscheidungskultur noch in den Anfängen steckt, obwohl viele Patientinnen und Patienten einen hohen Informationsbedarf haben und starke Partizipationsinteressen artikulieren. Dies hat vielfältige Gründe — darunter [Frerichs W et al. PLoS One. 2016; 11(3):e0149789; http://doi.org/f8t5g6]:
  • unterschiedliche Einstellungen der Behandler gegenüber einer partizipativen Entscheidungsfindung,

  • patientenbezogene Charakteristika und

  • strukturelle Faktoren, wie Zeitknappheit bei Patienten- und Angehörigengesprächen,

  • sowie eine geringe Kommunikation zwischen verschiedenen Klinikbereichen.

Entsprechend ist „shared decision making“ bislang nur selten in der onkologischen Routineversorgung verwirklicht. Das gilt etwa für Visiten, medizinische Konsultationen und medizinische Entscheidungen sowie multidisziplinäre Tumorkonferenzen [Hahlweg P et al. BMJ Open. 2017;7(9):e016360; http://doi.org/ct77; BMC Cancer. 2017;17(1):772; http://doi.org/gcmk34].

Was kann getan werden?

Behandler und Experten sind sich eher einig, welche Anstrengungen unternommen werden sollten, um diese Situation zu verbessern. Verschiedene Maßnahmenbündel können eine Umsetzung der personenzentrierten onkologischen Versorgung entscheidend beeinflussen [Müller E et al. Acta Oncol. 2016;55 (12):1484-91; http://doi.org/ct76]. Dazu gehören etwa:
  • behandlerbezogene Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen entwickeln und durchführen,

  • patientenbezogene Informationen bereitsstellen,

  • entsprechende Gesundheitsinformationen sowie Entscheidungshilfen zur Verfügung stellen und Patientenfürsprecher etablieren.

Erste Projekte sind schließlich gestartet, solche Maßnahmen in Kliniken zu erproben und auf ihre Machbarkeit hin zu untersuchen. Hier wird ein großer Fortschritt und eine große Bereitschaft zu einer partizipativen Organisationsentwicklung sichtbar [Scholl I et al. Implement Sci. 2018;13(1):51; http://doi.org/gc98td].

Rolle der Versorungsforschung

Alles in allem, wissen wir heute viel präziser, was Patientenorientierung und eine personenzentrierte onkologische Versorgung auszeichnet — also anhand welcher Dimensionen wir diese beschreiben, wie wir sie umsetzen können und wie wir die Realisierung auch messen können.

Gleichzeitig wissen wir auch, welchen Stand wir im Hinblick auf die Umsetzung einer personenzentrierten Versorgung und Beteiligung von Patienten sowie Angehörigen erreicht haben, auch im internationalen Vergleich. Auch wissen wir, welche Schritte noch vor uns liegen [Härter M et al. Z Evid Fortbild Qual Gesundhwes. 2017;123–4:46–51; http://doi.org/ct75]. Versorgungsforschung kann hier aufgrund ihrer großen Erfahrung aus zahlreichen Projekten, vielseitigen methodischen Ansätzen und ihrer Interprofessionalität entscheidend dazu beitragen, ein personenzentriertes Gesundheitssystems effektiver zu entwickeln.

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Authors and Affiliations

  • Springer Medizin

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