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Orthopädie & Rheuma

, Volume 22, Issue 4, pp 3–3 | Cite as

Linientreue Ärzte

  • Springer Medizin
Editorial
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„Dass Auswahl und Aufbereitung von Daten durch die Interessenlage der Industrie beeinflusst werden und nur bedingt die der leitliniengenerierenden Fachgesellschaften widerspiegeln, wurde mehrfach bewiesen.“

Dr. med. Michael Pieper (Chefredakteur)

Facharzt für Orthopädie/Unfallchirurgie, Rheumatologie

Evidenzbasierte Medizin, leitlinienkonforme Therapie! — Zunehmend ein Totschlagargument gegen alle abweichenden Verfahren wie erfahrungsbasierte Medizin oder Homöopathie. Zunehmend eine Conditio sine qua non für medizinisches Handeln, monoton und konvergent: Genetik, Laborwerte, Bildgebung, Statistik. Ohne Leitlinien keine Qualität, keine Zertifizierung, keine Vergütung (pay for performance).

Zudem drohen Ärzten, die nicht leitliniengerecht behandeln, Konsequenzen seitens aggressiv auftretender Patientenorganisationen auf der Suche nach ärztlichem Fehlverhalten bei auftretenden Komplikationen. Leitlinien mutieren in der Wertigkeit zu Richtlinien und zur Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie, das heißt, für Gesundung. Abweichungen von Leitlinien werden folglich von Gerichten als grob fehlerhafte Behandlung geahndet: eine halbe Millionen Euro Schmerzensgeld, weil die nicht leitliniengerechte Behandlung (Injektion von Prednisolon und Diclofenac bei akuten Rückenschmerzen) zu einer Infektion mit Todesfolge führte. Konsequenz: Vernichtung einer ärztlichen Existenz.

Leitlinien sollen „eine anwendungsbezogene Orientierung im Publikationsdschungel bieten“, sagt Prof. Dr. Ina B. Kopp , die Leiterin des Instituts für Medizinisches Wissensmanagement des AWMF. Als Maßnahme zur Qualitätssicherung sollen Leitlinien ein Extrakt hochwertiger Publikationen sein, die in anerkannten internationalen Datenbanken identifiziert werden. Leitlinien sind folglich nur so wertvoll, wie die Publikationen auf denen sie basieren. Das ist eines kritischen Blickes wert. Valide Studien basieren auf großen Patientenzahlen, sind teuer und werden daher meist von der Industrie finanziert. Die Überprüfung der korrekten statistischen Auswertung erfordert die umfassende Kenntnis der Datenerhebung und Datenverarbeitung. Dass Auswahl und Aufbereitung der Daten durch die Interessenlage der Industrie beeinflusst werden und nur bedingt die der leitliniengenerierenden Fachgesellschaften widerspiegeln, wurde mehrfach bewiesen. Eine Leitlinienfinanzierung per Innovationsfonds wird gefordert.

Damit nicht genug. Leitlinien stützen sich auf die „leading papers of the world“.

Diese Wissenschaftsjournale wählen aus, welche der eingereichten Fachartikel sie veröffentlichen. Dass nicht selten hochklassige Arbeiten abgelehnt werden, hat eine amerikanische Forschergruppe für das Fachgebiet der Ökonomie nachgewiesen. Eine abgewiesene Arbeit erhielt später den Nobelpreis. Auch das sollte zu denken geben.

Die dem individuellen Patienten angepasste Anwendung leitlinienbasierter Medizin erfordert erfahrungsbasierte Medizin, die Kenntnis des Patienten und des Krankheitsumfangs. Sind Leitlinien für den Patienten klinisch relevant und sinnvoll umsetzbar? Das setzt klinische Erfahrung voraus. Rät diese zur Abweichung von Leitlinien, wird es für den Arzt gefährlich. Medizinische Erfahrung, die keinen Eingang in Leitlinien gefunden hat, gerät in Vergessenheit oder gar in Misskredit. Die Medizin verödet zur Behandlung nach Schema F. Ein Narr, der dem Irrglauben verfällt, Leitlinien repräsentierten das absolute Wissen, den absoluten Erfolg.

Wissen ist Macht, aber nicht ohne Denken. Doch das wird schon durch das Multiple-choice-Verfahren der ärztlichen Prüfung abtrainiert.

Ihr

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