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Der Freie Zahnarzt

, Volume 63, Issue 2, pp 18–20 | Cite as

Künstliche Intelligenz — Fluch oder Segen?

  • Melanie Fügner
Titel
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Risiken und Nebenwirkungen im Gesundheitswesen. Wer sich heute mit Digitalisierung beschäftigt, kommt am Thema „Künstliche Intelligenz (KI)“ nicht vorbei. Zwar waren schon in den achtziger Jahren einzelne technische Errungenschaften wie kommerzielle Schachcomputer auf dem Vormarsch, aber aktuell sind Diskussionen und vor allem umfassende Visionen im Zusammenhang mit KI omnipräsent. Auch das Gesundheitswesen ist in den Fokus gerückt.

© Andrea Danti / Fotolia

Neu und fremd ist Künstliche Intelligenz schon lange nicht mehr. Der Alltag im Jahr 2019 ist geprägt von Algorithmen und neuronalen Netzen. Ob digitale Sprachassistenten, Streamingdienste, Staubsaugerroboter, Fitness-Apps oder Navigationsgeräte — Berührungspunkte mit KI hat fast jeder. Weitere Anwendungsgebiete: autonomes Fahren, Auswertungen riesiger Datenmengen (Stichwort: Big Data) sowie Analysen und Prognosen. Selbst eine musikkomponierende Software wurde bereits entwickelt.

Da wundert es nicht, dass auch die Medizin verstärkt KI einsetzt, um Krankheiten zu erkennen und Behandlungen nachzuvollziehen. Ein Beispiel ist die App „Ada“ der Techniker Krankenkasse (TK). über diese können Versicherte ihre Beschwerden mit Hilfe eines KI-gesteuerten Fragenkatalogs eingeben. Danach spuckt „Ada“ eine persönliche Analyse, also eine Art Vorabdiagnose, aus und informiert auf Wunsch des Nutzers über passende digitale Versorgungsangebote der TK. Auch werden mögliche nächste Schritte aufgezeigt, zum Beispiel ob sofort ein Arzt eingeschaltet werden soll oder ob eine Behandlung noch warten kann.

Zusätzlich ist Anfang 2019 der Beta-Test einer neuen „TK-Doc“-App an den Start gegangen, über die Versicherte nach der Bewertung ihrer Beschwerden telefonisch, per Text- oder Videochat mit einem Arzt Kontakt aufnehmen können.

TK: „SERIöSE VALIDIERTE GESUNDHEITSINFORMATIONEN“

Allein der Symptomcheck ist nicht ohne Tücken: Ein Test von „Ada“ hat gezeigt, dass die App nach der Angabe von relativ harmlosen Symptomen wie Kopfschmerz und Wärmegefühl eine Serie von möglichen Krankheitsbildern diagnostizierte — von Bluthochdruck über Schilddrüsenüberfunktion bis hin zu einem gutartigen Tumor der Hypophyse. Empfohlen wurde ein sofortiger Arztbesuch mit unverzüglicher medizinischer Behandlung. Nicht jeder Versicherte bewahrt in einem solchen Fall die Ruhe. Das bedeutet mitunter Notarzt oder Notaufnahme im Krankenhaus. Versetzen derartige Diagnosen Patienten nicht eher in Panik? Wäre bei solchen Beschwerden der Besuch beim Hausarzt nicht sinnvoller? Fragen wie diese beantwortet die Techniker Krankenkasse recht ausweichend: „Die TK kooperiert mit Ada, um Versicherten seriöse, validierte Gesundheitsinformationen an die Hand zu geben. Bereits heute informiert sich das Gros der Patienten vor und nach einem Arztbesuch im Internet und googelt die Symptome. Vielen fällt es jedoch schwer, seriöse Informationen im Internet zu finden“, schrieb die TK auf Anfrage der DFZ-Redaktion. Die Krankenkasse preist die App vor allem vor dem Hintergrund an, dass sie sieben Jahre lang von Medizinern mit Tausenden von Fällen gespeist worden sei und täglich durch die Nutzer der App mit rund 30.000 neuen Fällen erweitert werde.

„Die Erschaffung einer echten künstlichen Intelligenz könnte das Ende der Menschheit bedeuten.“

Stephen Hawking (2018 verstorbener Physiker und Astrophysiker)

Dass diese Informationen deutlich seriöser und somit sinnvoller sind als die oft gewerblichen Treffer bei Google, steht sicherlich außer Frage. Aber was ist mit der Haftung? Wer haftet, wenn ein Patient nach einer nicht eindeutigen Diagnose via „Ada“-App nicht rechtzeitig zum Arzt geht und sich sein gesundheitlicher Zustand dadurch (und vielleicht dauerhaft) verschlechtert? Auch diese Frage hat die Techniker Krankenkasse nicht zufriedenstellend beantwortet: „Die Diagnostik durch einen Arzt ersetzt Ada in keinem Fall“, räumte die Kasse nur ein. „Ada stellt keine Diagnosen. Es geht darum, dass Versicherte qualifizierte Gesundheitsinformationen bekommen und so besser informiert sind. Ada ersetzt in keinem Fall den Besuch beim Arzt.“

Etwas konkreter als die Pressestelle der TK zeigte sich dagegen ihr Vorstandsvorsitzender Dr. Jens Baas nach der Vorstellung der App im vergangenen Jahr: „Mit dem digitalen Symptomcheck und anschließendem Arzt-Chat geben wir bereits heute einen Ausblick darauf, wie Versorgung in der Zukunft aussehen kann“, sagte Baas. Und mit dieser Einschätzung steht er nicht alleine da.

DAS GESUNDHEITSWESEN IST EIN SCHLüSSELBEREICH

Auch die Bundesregierung setzt verstärkt auf Künstliche Intelligenz. Der Deutsche Bundestag hat 2018 eine sogenannte Enquete-Kommission „Künstliche Intelligenz“ (siehe Kasten, S. 20) ins Leben gerufen. Und die solle sich besonders auf das Gesundheitswesen konzentrieren, forderte beispielsweise der CDU-Gesundheitspolitiker Tino Sorge, Berichterstatter der Unionsfraktion für Digitalisierung und Gesundheitswirtschaft und stellvertretendes Mitglied in der neuen Kommission.

Das Gesundheitswesen „gehört zu den wenigen Gebieten, auf denen die Chancen von KI schon heute ganz konkret greifbar sind“, sagte der Magdeburger Bundestagsabgeordnete laut ärzteblatt. Als Beispiel nannte er die digitale Bildauswertung: „Maschinen können Bilder oft schon präziser auswerten als der Arzt — denn durch KI lernen sie auf der Grundlage von Tausenden Bildern, verlässlich zwischen gesund und krank zu unterscheiden“, sagte er.

In dieselbe Richtung zielt die Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der FDP-Fraktion. „Die Bundesregierung will Künstliche Intelligenz (KI) als Schlüsseltechnologie intensiv und in der Breite fördern. Deutschland soll führender Standort für die Entwicklung und Anwendung von KI-Technologien werden, auch um die Wettbewerbsfähigkeit des Landes zu sichern“, heißt es in der Stellungnahme. Dazu habe das Kabinett im November 2018 eine Strategie Künstliche Intelligenz beschlossen, die für die nächsten sieben Jahre Investitionen in Höhe von drei Milliarden Euro vorsehe.

TECHNISCH MöGLICH, ABER

Damit ist klar, wohin die Reise geht. Was das Gesundheitswesen betrifft, stehen ärzte- und Zahnärzteschaft der Thematik eher kritisch gegenüber. Viele Verbände haben sich nach der Vorstellung der TK-Apps deutlich positioniert. Hauptkritikpunkt: Mit dem Angebot mischt sich die TK unbotmäßig in das vertrauliche Arzt-Patienten-Verhältnis ein. „Ich warne davor, eine Künstliche Intelligenz Diagnosen stellen zu lassen“, brachte es der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. Andreas Gassen, gegenüber der Deutschen Presse-Agentur auf den Punkt. „Es wird ärztliche Sache bleiben, Dinge zusammenzuführen und für die individuelle Patientensituation zu werten.“ Helfen kann KI laut Gassen etwa beim Auswerten komplexer Laborbefunde. Jedoch bei allem, wo menschliche Wärme und Zuwendung gefragt seien, sei KI genauso wie Robotik keine erstrebenswerte Variante. Stattdessen solle lieber die sprechende Medizin gestärkt werden, waren sich die Mediziner auf dem Deutschen ärztetag 2018 einig.

Auch bei einem „Health-IT Talk“ Anfang des Jahres in Berlin haben unterschiedliche Experten im Gesundheitswesen die sinnvolle Nutzung von Künstlicher Intelligenz angemahnt. Dr. Bernhard Tenckhoff von der Stabsstelle Innovation, strategische Analyse und IT-Beratung der KBV nannte drei entscheidende Voraussetzungen für den Einsatz von KI: Sie dürfe in erster Linie dem Patienten nicht schaden, müsse verlässlich funktionieren und natürlich auch medizinisch von Nutzen sein, forderte Tenckhoff.

Für Arzt und Zahnarzt Dr. Rolf Kisro aus Berlin gibt es beim Thema KI eine entscheidende Frage — die Frage der Haftung: „Ich bin Fan der Künstlichen Intelligenz, jedoch will ich als Arzt natürlich nicht für deren Fehler haften.“ Computerprogramme könnten zwar heutzutage schon durchaus verwertbare Diagnosen stellen, sagte Kisro. Beispielsweise könne die radiologische Diagnostik offenbar inzwischen eine mit einem menschlichen Diagnostiker vergleichbare Treffsicherheit erreichen. Selbst dass ein Roboter zahnärztliche Arbeiten übernimmt, hält Kisro für „technisch denkbar“. Doch nach den derzeitigen Bedingungen müsse ein Arzt oder Zahnarzt für dessen Arbeit geradestehen, wenn etwas schiefgeht.

Das bestätigt der Justiziar des Freien Verbandes Deutscher Zahnärzte, Rechtsanwalt Michael Lennartz: „KI kann (zahn)medizinische Behandlungen nur ergänzen. Für die eigene Anamnese, die Untersuchung des Patienten in Person und darauf fußende Diagnostik gibt es auch haftungsrechtlich keinen Ersatz. Sich auf KI, insbesondere von Algorithmen erstellte Diagnosen zu verlassen, würde im Schadensfall zur Haftung wegen Behandlungsfehlern führen.“

ROBOTER HABEN (NOCH) KEINE GEFüHLE

Ganz abgesehen von der juristischen Seite ist gerade im Gesundheitswesen die menschliche Komponente von großer Bedeutung. In Medizin und Pflege wird schon seit Längerem darüber gesprochen, Roboter zukünftig als Betreuer einzusetzen. Aber können Roboter Empathie, und Emotionen zeigen und auf die Gefühle von Menschen eingehen? Prof. Dr. Oliver Bendel, Wirtschaftsinformatiker und selbsternannter Roboterphilosoph, sieht da einem teachtoday-Interview zufolge ganz klare Grenzen: „Wir verfügen über Roboter, die Emotionen erkennen und zeigen, aber natürlich nicht haben. Roboter und KI-Systeme werden meiner Meinung nach nie Gefühle haben. Für diese braucht es biochemische Grundlagen.“ Es fehlt also an emotionaler Intelligenz. Zumindest vorerst. Denn Forscher gehen schon davon aus, dass die Künstliche Intelligenz die Intelligenz des Menschen eines Tages übersteigen wird. Das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz rechnet allerdings frühestens in 50 Jahren damit.

SCHWACHE UND STARKE KI

Künstliche Intelligenz bezeichnet in der Regel den Versuch, Entscheidungsstrukturen des Menschen zu simulieren. Dafür wird etwa ein Computer so programmiert, dass er relativ eigenständig Probleme bearbeiten kann. Unterschieden wird zwischen schwacher und starker KI. Die schwache KI, die heutzutage eingesetzt wird, kann das menschliche Denken in einzelnen Bereichen unterstützen. Es geht um die Simulation intelligenten Verhaltens mit Hilfe der Mathematik und Informatik. Das Ziel einer starken KI ist es, die gleichen intellektuellen Fertigkeiten eines Menschen zu erlangen oder sogar zu übertreffen. Eine starke KI, die ihre Erkenntnisse auf andere Bereiche übertragen kann, gibt es derzeit noch nicht.

ENQUETE-KOMMISSION ZU KI

Der Deutsche Bundestag hat im Juni 2018 die Einsetzung einer Enquete-Kommission „Künstliche Intelligenz — Gesellschaftliche Verantwortung und wirtschaftliche, soziale und ökologische Potenziale“ beschlossen. Die Enquete-Kommission setzt sich zu gleichen Teilen aus Mitgliedern des Deutschen Bundestages und externen Experten zusammen und soll den künftigen Einfluss der KI auf das Zusammenleben, die deutsche Wirtschaft und die Arbeitswelt untersuchen. Im Mittelpunkt stehen sowohl die Chancen als auch die Herausforderungen der KI. Dabei nehmen die Kommissionsmitglieder technische, rechtliche und ethische Fragen unter die Lupe. Die Enquete-Kommission hat den Auftrag, den Handlungsbedarf auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene auszumachen.

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Authors and Affiliations

  • Melanie Fügner
    • 1
  1. 1.

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