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Der Freie Zahnarzt

, Volume 59, Issue 1, pp 48–48 | Cite as

Die Rhetorik-Praxis

Paradoxon? Chiasmus? Rhetorische Figuren als Stilmittel

  • Frank Wittke
praxis
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Wir alle nutzen ständig rhetorische Figuren, häufig ohne dass es uns bewusst ist. Die rhetorische Frage, auf die es keine Antwort gibt und das Stilmittel des Vergleichs kennen daher viele Menschen. Aber wie sieht es zum Beispiel aus mit Paradoxon und Chiasmus? Hinter diesen komplizierten Worten verbergen sich einfache Möglichkeiten, Reden, Vorträge und Präsentationen, aber auch Texte wesentlich wirkungsvoller zu gestalten.

© Ivan Danik / iStock / Thinkstock

"Nicht übel", für die einen nur eine Redewendung, für Rhetoriker eine nicht unübliche Figur der Alltagssprache: Untertreibung durch doppelte Verneinung, griechisch Litotes, neudeutsch: Understatement Ihr „Gegenspieler“ ist die Hyperbel, die bewusste Übertreibung: „Herr Meyer ist der König der Zahnärzte!" Rhetorische Figuren und Stilmittel werden eingesetzt, um die Wirkung und Überzeugungskraft einer Rede zu erhöhen, Texte unterhaltsamer und kurzweiliger zu machen, abwechslungsreich und imposant — bis an die Grenze des grammatisch Richtigen. Sie werden nicht nur bei Reden und Vorträgen eingesetzt, sondern auch in der Politik, im Journalismus, in der Werbung und eben in der Alltagssprache, um bestimmte Aussagen zu unterstreichen.

Schmeicheleien am laufenden Band

So wird der Euphemismus, eine beschönigende Bezeichnung, gerne in der Werbebranche eingesetzt. Da heißt es dann „vollschlank“ statt übergewichtig und „Seniorenresidenz“ statt Altenheim. Das Spiel mit den Gegensätzen tritt bei den rhetorischen Stilmitteln häufig auf. Auch beim Chiasmus ist das der Fall. Bei der sogenannten „Überkreuzstellung“ werden beispielsweise Gegensatzpaare wie klein und groß, grob und fein, wichtig und unwichtig gegenübergestellt: „Der Einsatz war groß, klein war der Gewinn.“

Widersprüche lassen aufhorchen

Etwas schwieriger wird es beim Paradoxon. Es ist eine Aussage oder eine Ansicht, die im ersten Moment offenbar im Widerspruch zum gesunden Menschenverstand steht. „Weniger ist mehr“, „Das einzig beständige ist die Veränderung“ oder der bekannte Ausspruch des griechischen Rhetorikers und Philosophen Sokrates: „Ich weiß, dass ich nichts weiß!“ gehören dazu.

Reime bleiben im Gedächtnis

Etwas eingängiger wird es wiederum bei der Alliteration, dem sogenannten Stabreim, bei dem aufeinanderfolgende Wörter den gleichen Anfangsbuchstaben haben. Wer mit „Kind und Kegel“ bei „Nacht und Nebel“ „Haus und Hof“ verlässt, um einen Zahnarzt aufzusuchen, der möchte „nicht wanken und nicht weichen“, sondern ganz „klipp und klar“ seine Zahnschmerzen loswerden. Der Reim sorgt dafür, dass die Worte besser im Gedächtnis haften bleiben.

Am Rande der grammatikalischen Grenze

„Doppelt gemoppelt“ würde man vermutlich bei der nächsten rhetorischen Figur sagen. Bei genauerer Betrachtung wird der „alte Greis“ aber zu einem Pleonasmus: Es wird ein Wort hinzugefügt, das bereits im Substantiv enthalten ist. Der weiße Schimmel gehört genauso dazu wie der schwarze Rabe und die runde Kugel. Diese rhetorische Figur zählt zu den Figuren, die bewusst vom korrekten grammatischen Sprachgebrauch abweichen. Eine weitere dieser Figuren, die oft scherzhaft gebraucht wird, ist das Zeugma. Es bedeutet so viel wie „zusammengefügt“ — und genau so hört sich ein Zeugma dann auch an: „Er warf die Zigarette auf den Boden und einen Blick aus dem Fenster.“ Durch diesen leichten Regelbruch hat der Redner wiederum ein hohes Maß an Aufmerksamkeit erreicht.

Und noch eine vergleichende Figur

Häufig werden diese rhetorischen Stilmittel in Kategorien gepackt und je nach rhetorischer Schule Figuren oder auch Tropen genannt. Das hat mittlerweile zu einer kaum noch überschaubaren Vielzahl von Einteilungen geführt. Gemeinsam haben sie eines: Man sollte sie nutzen wie ein Gewürz zu Tisch — bewusst und mit Bedacht eingesetzt wird der Genuss erhöht, zu viel verdirbt das ganze Gericht. Und das war nun garantiert die letzte rhetorische Figur, die Analogie oder einfacher: der Vergleich.

Frank Wittke

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© Springer-Verlag 2015

Authors and Affiliations

  • Frank Wittke
    • 1
  1. 1.

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