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Zeitschrift für Energiewirtschaft

, Volume 38, Issue 2, pp 83–99 | Cite as

Eigenerzeugung und Selbstverbrauch von Strom – Stand, Potentiale und Trends

  • Hubertus Bardt
  • Esther Chrischilles
  • Christian Growitsch
  • Simeon Hagspiel
  • Lisa Schaupp
Article

Zusammenfassung

Aufgrund sinkender Kosten für Eigenerzeugungsanlagen, steigenden Endverbraucherpreisen für Strom sowie indirekten staatlichen Anreizen werden Eigenerzeugung und Selbstverbrauch von Strom für Endenergieverbraucher in sämtlichen wirtschaftlichen Sektoren zunehmend attraktiv. So ergeben sich durch den Selbstverbrauch von Strom im derzeitigen rechtlichen Rahmen Möglichkeiten zur Einsparung bei verschiedenen Steuern und Umlagen sowie Netzentgelten. Gleichzeitig zeigen sich sowohl bei den Voraussetzungen für die Inanspruchnahme als auch bei der statistischen Erfassung des Selbstverbrauchs häufig Unschärfen. Für die historische Entwicklung des gesamten Selbstverbrauchs zwischen 2008 und 2012 lässt sich ein Anstieg um 26 % auf 56,7 TWh angeben. Bei einer Abschätzung ökonomischer Potentiale und Trends zeigt sich, dass die zukünftige Entwicklung wesentlich beschleunigt ablaufen und wesentliche Anteile des Verbrauchs in allen Sektoren durch Eigenerzeugung gedeckt werden könnten. Diese Entwicklung wird jedoch maßgeblich durch die zukünftigen rechtlichen Rahmenbedingungen hinsichtlich der Belastung des Selbstverbrauchs mit Steuern und Umlagen bestimmt werden. Hierbei zeigt sich neben der Belastungshöhe auch die Bagatellgrenze für kleine Erzeugungsanlagen als entscheidende Stellgröße. Volkswirtschaftlich betrachtet ziehen die Ausnahmetatbestände aufgrund des verzerrten Wettbewerbs zwischen verschiedenen Technologien ineffiziente Erzeugungsstrukturen sowie umfangreiche Verteilungswirkungen nach sich. Darüber hinaus entsteht ein selbstverstärkender Effekt: Indem mehr Strom selbst verbraucht wird, verringert sich die Bemessungsgrundlage von Umlagen und Entgelten, und erhöht somit die Kostenbelastung für die übrigen Verbraucher. Daraufhin steigt der Anreiz zu mehr Selbstverbrauch erneut und mit ihm die volkswirtschaftlichen Ineffizienzen.

Schlüsselwörter

Eigenerzeugung Selbstverbrauch Dezentrale Erzeugung Prosumer Ausnahmetatbestände 

Self-Production And Consumption Of Electricity: Current Status, Potentials And Trends

Abstract

Due to falling costs of self-production, increasing end-user electricity prices as well as indirect state incentives, self-production and consumption of electricity have become more and more attractive for end-users across all economic sectors. Thus, opportunities to evade taxes, surcharges and grid charges have arisen under the current legal framework. The situation is complicated by unclear requirements for the utilisation of state incentives as well as the vague statistical coverage of self-consumption. Historically, the total amount of self-consumption rose by 26 % between 2008 and 2012 to 56.7 TWh. The estimation of economic potentials and trends shows that development could accelerate substantially to a point where a considerable amount of the consumption in all sectors could be covered by self-production. This development will be significantly determined by the future legal framework regarding taxation and surcharges for self-consumption. Besides the level of taxes and surcharges, the minimum limit for charging small generation units will be a key control variable. From an economical point of view, derogations lead to distorted competition between various technologies that causes inefficient production structures and distributional effects. Moreover, they create a self-reinforcing effect: The higher the self-consumption is, the lower the assessment base for apportionments and charges becomes, and the higher the cost burden for the remaining end-users will be. As a result, the incentives for self-consumption are enhanced and, once again, the increased self-consumption causes further economic inefficiencies.

Keywords

Self-production Self-consumption Decentralized generation Prosumer Derogation 

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Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 2014

Authors and Affiliations

  • Hubertus Bardt
    • 1
  • Esther Chrischilles
    • 1
  • Christian Growitsch
    • 2
  • Simeon Hagspiel
    • 2
  • Lisa Schaupp
    • 2
  1. 1.Institut der deutschen Wirtschaft Köln e. V.KölnDeutschland
  2. 2.Energiewirtschaftliches Institut an der Universität zu Köln (EWI)KölnDeutschland

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