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Forum

pp 1–2 | Cite as

Leitlinien und Innovation – kein Widerspruch

  • Florian LordickEmail author
Editorial
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Die qualitativ hochwertige Versorgung von Patienten mit Krebs bleibt eine zentrale Herausforderung, daher ist deren Optimierung eine grundlegende Forderung im Nationalen Krebsplan. Dazu zählt u. a. auch die Entwicklung evidenzbasierter Leitlinien und ihrer Anwendung im klinischen Alltag. Das Leitlinienprogramm Onkologie hat dazu beigetragen, dass Patienten heute besser behandelt werden, da ungesicherte und unwirksame Verfahren als solche kenntlich gemacht werden, Fachgebiete mehr denn je zu Partnern in der besten Entscheidungsfindung geworden sind und Fortschritte nun schnelleren Eingang in die Versorgung finden. Die anfängliche Skepsis, Leitlinien könnten zu weit in die ärztliche Entscheidungsfreiheit eingreifen, ist der Einsicht gewichen, dass der rapide Wissensfortschritt in der Onkologie eine verlässliche, im Einzelfall jedoch nicht bindende Entscheidungsgrundlage benötigt.

Die Stärke der deutschen S3-Leitlinien ist deren Verknüpfung mit weiteren qualitätssichernden Elementen im Nationalen Krebsplan, darunter die Zertifizierung onkologischer Einrichtungen und die Etablierung einer onkologischen Qualitätsberichterstattung durch klinische Krebsregister. Dass diese Maßnahmen mittlerweile tatsächlich zu einer Verbesserung der Versorgungsqualität beitragen, belegen Auswertungen der Ergebnisqualität aus den zertifizierten Zentren.

Eine weitere Stärke der durch die Deutsche Krebsgesellschaft (DKG) maßgeblich mitgestalteten Leitlinien ist die Betonung der externen wissenschaftlichen Evidenz, jedoch ohne die Meinung der Fachexperten und Patienten im Konsensprozess zu vernachlässigen. Somit können Erfahrungen aus dem klinischen Alltag, die Akzeptanz bei Patienten und die Realisierbarkeit von Empfehlungen im Kontext des deutschen Gesundheitssystems berücksichtigt werden. Der Gesamtprozess wird von erfahrenen Methodikern begleitet. Doch um die onkologischen Leitlinien auch zu einem lebendigen Werkzeug der gemeinsamen Entscheidungsfindung zwischen Patient und Arzt zu machen, sind weitere Schritte notwendig.

Die Schwächen liegen noch im zeitaufwändigen Entstehungsprozess der S3-Leitlinien. Ein zentrales Problem jeder Leitlinie ist die Aktualität der Empfehlungen. In diesem Punkt kann das onkologische Leitlinienprogramm bislang nicht konkurrieren mit den Aktivitäten einzelnen Fachgesellschaften, denen dafür die vertiefte Auseinandersetzung und Konsensfindung im Kontext anderer Fachgebiete fehlt. An der teils zu langsamen Anpassung der Leitlinien und der unkomfortablen Zugänglichkeit der Empfehlungen wird gearbeitet. Seit Anfang März stehen die Leitlinien der DKG auch als App zur Verfügung [Forum 2‑2019;  https://doi.org/10.1007/s12312-019-0591-8]; ein living guideline Konzept wird ebenfalls erarbeitet, dessen zeitlicher und organisatorischer Mehraufwand jedoch nicht zu unterschätzen ist. Beide Konzepte sind wichtig für die Akzeptanz und flächendeckende Verwendung von Leitlinien im Alltag.

International werden vor allem die Leitlinien der European Society of Medical Oncology (ESMO) wahrgenommen und zitiert. Diese werden durch eine interdisziplinäre Leitgruppe erarbeitet und von einer unabhängigen Peer-Review-Expertengruppe begutachtet und mit Korrekturvorschlägen an die Leitgruppe zurückgespielt. Wie bei den deutschen Leitlinien fließt sowohl die wissenschaftliche Evidenz als auch die Stärke der Empfehlung nach Expertenbewertung ein. Die Kommunikation über elektronische Plattformen hält den Prozess schlank und flexibel. Die aufwändige Organisation von Konsensustreffen entfällt. Dafür fehlt, im Vergleich zum deutschen Leitlinienprogramm, die Definition von Qualitätsindikatoren und deren Überprüfung im Rahmen von Audits.

Nicht mehr zeitgemäß erscheint heutzutage das Erstellen lokaler Leitlinien, wie es früher in den regionalen Tumorzentren praktiziert wurde. Vielmehr sollte man sich der Frage widmen, wie man die Implementierung der nationalen und europäischen Leitlinien regional nachhält. Sinnvoll ist auch, dass onkologische Spitzenzentren darstellen, wie sie neueste Kenntnisse aus der Forschung, wie molekulare Tests, aktuelle Bildgebungsverfahren, Operations- und Bestrahlungstechniken in ihre Behandlungspfade integrieren. Universitäre Spitzenzentren, die in der Regel vor anderen über Anwendungsmöglichkeiten neuer Verfahren verfügen, können im Rahmen von Studien und innovativen Behandlungspfaden die Evidenz pilotieren und damit Motor innovativer Leitlinien und onkologischer Qualität in Deutschland sein.

Diese Ausgabe des FORUM stellt die erwähnten positiven aber auch die verbesserungswürdigen Aspekte der Leitlinien in der Onkologie dar und spiegelt Ihnen damit ein umfassendes Bild zum aktuellen Stand.

Mit den besten Grüßen verbleibt

Ihr

Florian Lordick

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  1. 1.Universitäres Krebszentrum Leipzig (UCCL)LeipzigDeutschland

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