Aufstieg des Kulturrassismus: Von Huntington zu Sarrazin

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Zusammenfassung

In diesem Aufsatz wird aufgezeigt, dass die in den 1990er-Jahren durch Huntington in den USA etablierten Vorstellungen von abgegrenzten, sich einander bekämpfenden „Kulturkreisen“ auch in Deutschland zu unhinterfragten Paradigmen wissenschaftlicher wie politischer Debatten geworden sind, wie es sich beispielsweise in der Diskussion um Thilo Sarrazin zeigt. Dabei werden aus machtstrategischen Motiven bewusst oder weniger bewusst, dynamische und widersprüchliche Realitäten mit zustandsreduzierten und essentialistischen Konzepten erfasst. Dies führt zur Etablierung von festen Grenzen zwischen verschiedenen Menschengruppen als Etablierten und Außenseiter. Jegliches Entwicklungspotential bei den Mitgliedern der Außenseitergruppe wird durch die Einführung solcher statischen Kategorien geleugnet. Dadurch erhält der nicht tabuisierte aber undifferenzierte Begriff „Kultur“ dieselben wesenhaften Merkmale des Begriffs „Rasse“, daraus resultiert also eine Art „kultureller Rassismus“.

Schlüsselwörter

Kulturrassismus Essentialisierung Etablierten und Außenseiter Prozesssoziologie Thilo Sarrazin Samuel Huntington Sozialer Habitus 

Rise of cultural racism: from Huntington to Sarrazin

Abstract

In this paper, it will be highlighted, that Samuel Huntington’s notions of demarcated, “conflicting” cultures in the 1990s have become unquestioned paradigms of scientific and political debate in Germany as well, as the debate around Thilo Sarrazin have shown. Rather based on power-strategic motives, in both notions in the USA and Germany, consciously or less consciously, dynamic and contradictory realities are captured with process-reduced and essentialist concepts. This has led to the establishment of fixed boundaries between different groups of people as established and outsiders. Any potential for development and change among the members of the outsider group is denied by the introduction of such static and rigid categories. Thus, the term “culture” as a means of distinction has received in both notions the same essential characteristics of the term “race”, which, as it will be shown, has resulted in a kind of “cultural racism”.

Keywords

Cultural racism Essentialisation Established and outsiders Process sociology Thilo Sarrazin Samuel Huntington Social habitus 

Notes

Danksagung

Wir bedanken uns herzlich bei Michael Kopel, Kaja Tippenhauer, Daniel Kubiak und Silke Rommel für ihre kritischen Kommentare und Korrekturen.

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Authors and Affiliations

  1. 1.Institut für SoziologieWestfälische Wilhelms UniversitätMünsterDeutschland

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