Die traurige Nachricht erreichte uns am 11. Februar: Hanfried Scherer, langjähriger Redakteur dieser Zeitschrift, ist nach schwerer Krankheit ruhig eingeschlafen. Er war ein Urgestein des bildungspolitischen Aufbruchs, der in den 1960er Jahren begann. Schon in den Anfangsjahren arbeitete er als Redakteur beim wichtigsten Diskussionsforum für pädagogische Reformer: „betrifft: erziehung (b:e)“. Die Zeitschrift, gegründet von Horst Speichert, erschien im Beltz-Verlag mit dem damals ganz neuen Konzept, pädagogische Themen wissenschaftlich fundiert, informativ und politisch zugespitzt in Magazinform zu präsentieren.
Als Anfang der 1970er Jahre alle haupt- und nebenamtlichen Mitarbeiter (mit einer Ausnahme) im Streit um ihre redaktionelle Unabhängigkeit den Verlag verließen, war Hanfried Scherer selbstverständlich dabei. Und gehörte von Beginn an zum Redaktionskollektiv, das ab 1973 die „päd. Extra“, seit 1978 auch die „päd. extra sozialarbeit“ (später „SOZIALEXTRA“) monatlich produzierte.
Die Gründer hatten sich genossenschaftlich organisiert, um unerwünschte Einflussnahmen von außen zu verhindern. Die Rechte an den Zeitschriftentiteln (und später den Titeln des Buchverlags) wurden von einem eingetragenen „Verein der Mitarbeiter“ gehalten — ein Modell, das später auch die „tageszeitung“ für ihren Verlag übernehmen sollte. Als langjähriger Vorsitzender dieses Vereins wies Hanfried die Leser der „päd. Extra“ im Editorial gern auf die „nagende Kritik der Mäuse“ (ein Marx-Zitat) hin, um sie für die verzinsten Leserdarlehen zu begeistern, mit denen sich der unterkapitalisierte Verlag auch ohne teuere Bankkredite zwischenfinanzieren konnte.
Vor allem war Hanfried Scherer mit Leib und Seele ein äußerst gewissenhafter und engagierter Redakteur. Die ersten Erfahrungen als Journalist hatte er bei einer Lokalzeitung in seiner niedersächsischen Heimat gesammelt, während seines Studiums arbeitete er in der Redaktion der Göttinger links-unabhängigen Theoriezeitschrift „politikon“ mit. Gleich nach seinem Examen begann das Kapitel „b:e“.
Im Frühjahr 2004 erlitt Hanfried einen Schlaganfall; bald wurde klar, dass er seine Arbeit als Redakteur nicht wieder würde aufnehmen können. Im Januar 2005 verabschiedete Sabine Hering, seit vielen Jahren „Sozial-Extra“-Beirätin, ihn dann offiziell mit folgendem Dank:
„Ohne Hanfried Scherer wäre die SOZIALEXTRA nicht das, was sie heute ist. Neben der ruhmreichen Generation der „Gründer“ gab es bei der Zeitschrift eine ganze Reihe verdienstvoller Redakteure und Redakteurinnen, aber unter ihnen ist Hanfried zu Recht in den Augen vieler Menschen zu dem Urgestein geworden, aus dem die Zeitschrift in ihrer jetzigen Form hervorgegangen ist.
HANFRIED SCHERER (FOTO: MANFRED BAIERL)
Hanfried Scherer ist 1990 zur SOZIALEXTRA gestoßen, nachdem er viele Jahre lang die „päd. extra“ redigiert hat. Er hat sich trotz seiner beträchtlichen Sachkenntnis in allen Themenfeldern der Pädagogik wie der Sozialen Arbeit immer vorrangig als Journalist und Text-Profi begriffen, der nach Formen und Wegen sucht, eine „Sache“ verständlich zu thematisieren und zu politisieren. Dabei haben sein vorbehaltloser Zugang zu dem „Stoff“ und seine bescheidene Manier der Annährung an die Autoren häufig darüber hinweggetäuscht, wie beharrlich und kompromisslos er seine Auffassung vom Ethos gegenüber der „sozialen Frage“ und ihrer Praxis vertreten und umgesetzt hat.
Es ist deshalb nicht zuletzt das Verdienst von Hanfried Scherer, dass die SOZIALEXTRA bis heute als das „Flaggschiff“ der politisch engagierten Fachzeitschriften im Bereich Sozialer Arbeit gilt. Trotz der sich — entsprechend der schwierigeren Verhältnisse — wandelnden Verhältnisse ist die Zeitschrift von dieser Position niemals abgewichen. Sie ist fachlich kompetent, politisch klar und immer beharrlich — wie Hanfried Scherer. Und das ist ihr Erfolg.“
