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Legalbewährung nach einer Entlassung aus dem Maßregelvollzug (§ 63 StGB) in der Metropolregion Hamburg

  • S. VeismannEmail author
  • G. Knecht
  • S. Tozdan
  • P. Briken
Originalarbeit
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Zusammenfassung

Es gilt als empirisch belegt, dass der Maßregelvollzug seine gesetzlich vorgegebene Aufgabe, nämlich den Zustand der untergebrachten Patienten so weit zu verbessern, dass sie keine Gefahr mehr für die Allgemeinheit darstellen, durchaus erfüllt. Die Deliktrückfallquote entlassener Maßregelvollzugspatienten aus dem psychiatrischen Krankenhaus liegt deutlich niedriger als die Rückfallraten nach einer Inhaftierung im Normalvollzug. Dieser Befund hat sich gleichfalls für Hamburg replizieren lassen. Der psychiatrische Maßregelvollzug liefert auch in einer Metropolregion mit einer Häufung problematischer und komplexer Störungsbilder die gewünschten Ergebnisse. Etwas weniger als ein Drittel (32,9 %) der entlassenen Patienten hatten überhaupt einen neuen Eintrag im Bundeszentralregister (BZR). Die Rückfallzahlen für schwere Gewalttaten waren bei langen Katamnesezeiten (Mittelwert [MW] 10 Jahre und 8 Monate Follow-up) erfreulich niedrig (9,6 % für schwere Rückfalltaten, 8,2 % für einschlägige Rückfälle). Insgesamt kann festgestellt werden, dass bei Rückfälligkeit in den überwiegenden Fällen eine geringere Schwere der Straftaten im Vergleich zur Anlasstat dokumentiert wurde.

Eine Entlassung gemäß § 67 b StGB (Unterbringung bei gleichzeitiger Aussetzung zur Bewährung) und das Vorliegen einer schizoaffektiven Störung mit einer zusätzlichen Suchtproblematik gehen mit einem erhöhten Rückfallrisiko einher. Eine strafrechtlich belastete Vorgeschichte ist passend zur bekannten Studienlage ein wichtiger kriminalprognostischer Faktor. Bei diesen Patienten fanden sich überzufällig häufiger Eintragungen im BZR, schwerere Rückfalltaten und als gerichtliche Reaktionen stärkere Sanktionen. Patienten, bei denen die Unterbringung gemäß § 67 b StGB zur Bewährung ausgesetzt wurde, sind in vielerlei Hinsicht eine besondere Risikogruppe. Sie treten häufiger, früher und mit schwereren Rückfalltaten in Erscheinung. Auch schneiden sie nach den Ergebnissen anderer Studiendaten in den Bereichen vorzeitiger Tod, Suizid und Rehospitalisierungen deutlich schlechter ab. Bei zukünftigen Entscheidungen der verurteilenden Gerichte sollten diese Aspekte mitberücksichtigt werden.

In der forensischen ambulanten Nachsorge ist v. a. auf einen frühen Beginn von Straffälligkeit und Hafterfahrung, auf schizoaffektiv erkrankte Patienten mit Suchtproblemen und auf die Gruppe der gemäß § 67 b StGB bewährungsweise entlassenen Patienten besonders zu achten. Bedeutsam ist es zudem, wenn in der Zeit der Führungsaufsicht außerplanmäßige Anhörungen stattfinden und die zuständigen Bewährungshelfer und/oder Therapeuten mit dem Gericht Kontakt aufnehmen (müssen). Dies sind zumeist ernst zu nehmende Hinweise auf eine zunehmende Destabilisierung (u. a. mit risikoträchtigen Verhaltensweisen wie unregelmäßiger Medikamenteneinnahme, Konsum von Alkohol oder anderen psychotropen Substanzen, sozialen Schwierigkeiten, Kontaktabbruch zu Bewährungshilfe und zuständigen Therapeuten) mit einem erhöhten Risiko für strafrechtlich relevantes Fehlverhalten.

Schlüsselwörter

Psychisch kranke Straftäter Psychiatrischer Maßregelvollzug Deliktrückfälligkeit Führungsaufsicht Forensische Nachsorge 

Legal probation after discharge from a forensic commitment institution (§ 63 StGB) in the metropolitan region of Hamburg, Germany

Abstract

It is considered empirically proven that forensic commitment hospital units fulfil their legal task, namely of improving the condition of patients to such an extent that they no longer pose a threat to the general public. The recidivism rate for forensic commitment patients is significantly lower than for offenders who serve prison sentences. This finding has also been corroborated for Hamburg. Forensic psychiatric treatment even delivers the desired results in a metropolitan region with an accumulation of problematic and complex disorder patterns. Entries for slightly less than one third (32.9%) of the discharged patients were subsequently recorded in Germany’s Central Criminal Register (BZR). The recidivism rate for severe acts of violence was gratifyingly low (9.6% for serious recidivism cases, 8.2% for pertinent recidivism cases) with long catamnesis periods (mean 10 years and 8 months follow-up), Overall, it can be stated that for the most part documented recidivism cases were less severe than the initial offences.

According to the available statistics, discharges in accordance with § 67 b of the German Criminal Code (StGB), where treatment in a forensic commitment hospital is suspended for an operational probationary period, in connection with schizoaffective disorders and addiction problems result in an elevated risk of recidivism. A criminal history is an important criminal prognostic factor, as current studies also concluded. These patients featured more frequently in the BZR, showed recidivism that was more serious and accordingly experienced harsher penalties. In many respects, patients whose convictions were suspended in accordance with § 67 b of the German Criminal Code represent a special risk group. In these cases recidivism occurs more frequently and earlier and takes forms that are more serious. According to the results of other published study data, they also fare significantly worse with respect to premature death, suicide and rehospitalization. These aspects should be factored into future decisions reached by the sentencing courts.

In forensic outpatient aftercare particular attention must be paid to the early onset of delinquency and renewed detention, to schizoaffective patients with addiction problems and to the category of patients discharged in accordance with § 67b of the StGB. It is also of significance if unscheduled hearings are required during the period of supervision and if probation officers and/or therapists (must) contact the court. These are often the first indications of growing destabilization (including risk-related behavior, such as compliance problems relating to medication, consumption of alcohol or other psychotropic substances, social difficulties and the disruption of contacts with parole officers and designated therapists) that often triggers an increased risk of criminally relevant misconduct.

Keywords

Mentally ill offenders Psychiatric forensic commitment Recidivism Supervision Forensic aftercare 

Notes

Interessenkonflikt

Dr. med. S. Veismann ist leitender Oberarzt und Dr. med. G. Knecht Chefarzt des Hamburger Maßregelvollzugs. S. Tozdan, PhD, und Prof. Dr. med. P. Briken geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

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Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  1. 1.Klinik für Forensische Psychiatrie der Asklepios Klinik Nord-OchsenzollHamburgDeutschland
  2. 2.Institut für Sexualforschung, Sexualmedizin und Forensische PsychiatrieUniversitätsklinik Hamburg-EppendorfHamburgDeutschland

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