Behandlung von Sexualstraftätern mit Psychotherapie und LHRH-Agonisten

Editorial

Als 1971 der antiandrogene Wirkstoff Cyproteronacetat zur Behandlung schwerer sexueller Deviationen mit Fremdschädigung auf den Markt kam und erste Studien dazu veröffentlicht wurden [15], glaubte man, einen großen humanistischen Fortschritt erzielt zu haben.

Die Anträge von Straftätern bei den Ärztekammern, sich einer Kastration unterziehen zu dürfen, um wieder in Freiheit leben zu können, gingen drastisch zurück [7], und auch die damals sehr kontrovers diskutierten stereotaktischen Operationen im Gehirn zur Beeinflussung von sexuellen Deviationen waren kein Thema mehr.

Später kam Cyproteronacetat wegen seiner Nebenwirkungen, der Gefahren für die Gesundheit der Behandelten und v. a. wegen der kaum beforschten Effekte bei Dauerbehandlung in die Kritik.

Fast 30 Jahre später haben wir erste Ergebnisse einer Behandlung von Paraphilien mit Leuprorelinacetat in Deutschland veröffentlicht. Anlass zu diesen ersten Behandlungen war die vielversprechende Veröffentlichung von Rösler und Witztum über den Einsatz von Luteinisierendes-Hormon-Releasing-Hormon- (LHRH-)Agonisten bei einer kleinen Zahl primär pädophiler Patienten [14].

Inzwischen ist die Zahl antiandrogen Behandelter in Maßregelvollzugsanstalten deutlich angestiegen, und es ist zu hinterfragen, ob die von uns mehrfach veröffentlichten Praxisleitlinien zur Behandlung von Störungen der sexuellen Präferenz [1, 2, 3, 4, 5, 9, 10, 11] nicht zu einer Ausweitung der Indikationsstellung zur antiandrogenen Behandlung führten, die so nicht intendiert war.

In der Folge kam es zu scharfer methodischer Kritik an den bisher veröffentlichten Daten zur Wirksamkeit antiandrogener Behandlung bei Straftätern [8], insbesondere beim Einsatz von LHRH-Agonisten. In Österreich wird von einigen Seiten die Meinung vertreten, diese Behandlung könne im Straf- und Maßnahmenvollzug nur als ärztliches Experiment verstanden werden und sei daher obsolet [6].

International wird die Frage der ethischen Vertretbarkeit der medikamentösen Behandlung von Sexualstraftätern auch unter den Gesichtspunkten der möglichen Verletzung von Menschenrechten diskutiert [13]. Rainey und Harrison kommen zu der Auffassung, dass eine solche Behandlung nicht den Gepflogenheiten des European Court of Human Rights widerspricht, wenn die Behandlung mit einer gültigen Einwilligung der Betroffenen geschieht. Eine richterlich ausgesprochene Auflage, solche Medikamente anzuwenden (wie das in manchen Staaten der USA üblich ist), dürfte jedoch in Europa nicht möglich sein.

Unserer Meinung nach hat Mathias Koller die rechtliche Situation für Deutschland sehr klar analysiert und die Grenzen einer gültigen Einwilligung in einer Haftsituation oder im Maßregelvollzug differenziert herausgearbeitet [12]. Seine ausführliche Darstellung ist allen in diesen Bereichen Tätigen und mit antiandrogener Therapie Befassten zu empfehlen. Die antiandogene Behandlung muss danach medizinisch oder kriminologisch indiziert sein, es muss die erforderliche Einwilligung des Betroffenen und/oder seines gesetzlichen Vertreters vorliegen, die Behandlung muss verhältnismäßig sein und den Erkenntnissen der medizinischen Wissenschaft entsprechen. Aber nicht nur ein eventueller Schaden, der durch eine möglicherweise nicht ganz freiwillig erfolgte medizinische Behandlung hervorgerufen wird, ist ethisch zu beurteilen, sondern auch der Schaden, der dem zu behandelnden Individuum erwächst, wenn ihm eine mögliche Behandlung verweigert wird.

Ein Symposium in Bamberg im Mai 2009 bot die Gelegenheit, nicht nur die ethischen Fragen neu zu diskutieren, sondern war auch Anstoß, die Wirksamkeit der antiandrogenen Behandlung in Kombination mit Psychotherapie methodisch genauer zu untersuchen. Ziel war es, eine bessere Grundlage zu schaffen, um die zu Behandelnden vor Erteilung ihrer Einwilligung sachgerechter über die antiandrogene Therapie zu informieren. Ein weiteres Symposium im Juni 2010 in Jerusalem gab uns Herausgebern dieses Sonderheftes die Gelegenheit, mit den Erstanwendern von LHRH-Agonisten, Rösler, Witztum und Thibaut sowie Vertretern der Firmen Debiopharm und Dr. Pfleger über die Behandlung mit LHRH-Agonisten zu sprechen. Die Ergebnisse sind nach wie vor ermutigend.

Seit über einem Jahr planen wir nun in Abstimmung mit einem interdisziplinären Advisory Board die erste randomisierte, kontrollierte Untersuchung zur Wirksamkeit von LHRH-Agonisten bei schweren Paraphilien in einem forensischen Setting. Wirksamkeitsforschung, wie sie bei anderen Medikamenten Standard ist, sollte unseres Erachtens trotz der ethischen Schwierigkeiten im forensischen Bereich nicht unterbleiben.

Wir danken der Dr. R. Pfleger GmbH für die Unterstützung eines solchen Projektes, die Durchführung des Symposiums und die Bereitschaft, auch weiterhin die Behandlung mit Antiandrogenen bei Sexualstraftätern auf den Prüfstand zu stellen.

Prof. Dr. med. Peer Briken

Prof. Dr. med. Wolfgang Berner

Copyright information

© Springer-Verlag 2010

Authors and Affiliations

  1. 1.Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie, Zentrum für Psychosoziale MedizinUniversitätsklinikum Hamburg-EppendorfHamburgDeutschland

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