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Aufstellungsarbeit

  • Roswitha RieplEmail author
  • Christian Stadler
Editorial
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Liebe LeserInnen,

wenn es darum geht, den richtigen Platz oder den richtigen Weg zu finden, haben sich die Menschen von jeher verschiedenster Hilfsmittel bedient: Sternenhimmel, Kompasse und Globen dienen seit dem Altertum zur Orientierung, heute behelfen wir uns vor allem mit modernen GPS-Systemen und Satelliten. In der Psychotherapie und Beratung begleiten wir täglich Menschen, die sich mit der Navigation ihres eigenen Lebens beschäftigen. Wer bin ich? Wohin will ich? Wie soll ich mich positionieren? Wer sind meine unterstützenden oder hinderlichen WegbegleiterInnen? Zur Bearbeitung dieser häufig gestellten Fragen hat sich in den letzten 30 Jahren die Aufstellungsarbeit als besonders hilfreiches Arrangement erwiesen. Zeitgleich haben eigenwillige Stile in der Aufstellungsleitung, umstrittene Prozessgestaltungen und mangelhafte theoretische Fundierungen dazu geführt, dass die Aufstellungsarbeit immer wieder kritisiert wird. Zeit also, sich in der deutschsprachigen psychodramatischen Fachwelt genauer mit diesem Arrangement auseinanderzusetzen und bei KollegInnen nachzufragen, wie diese Aufstellungsarbeit einsetzen.

Mit diesem Band wollen wir Sie daher zu einem Streifzug durch 16 verschiedene Arbeitsräume einladen, in denen mit psychodramatischer Aufstellungsarbeit praktisch gearbeitet wird, oder wo diese Teil von theoriebildenden Forschungsgedanken ist. Damit wollen wir Ihnen unterschiedliche psychodramatische Zugänge und eine Bandbreite von Anwendungsbeispielen dieser methodenspezifischen Arbeit näherbringen. Dazu haben wir neben PsychodramatikerInnen auch ExpertInnen aus anderen Fachbereichen eingeladen, die psychodramatische Aufstellungsarbeit in ihren Arbeitsfeldern einsetzen. Mit diesen Gastbeiträgen und damit verbundenen neuen Perspektiven wollen wir die rein psychodramatisch-methodische Betrachtung zur Aufstellungsarbeit erweitern und Ihnen weitere spannende Einsatzmöglichkeiten vorstellen.

Die Artikel in diesem Heft sind in drei Bereiche unterteilt: wir beginnen mit Artikeln über Aufstellungsarbeit im Einzel- und Gruppensetting der Psychodrama-Psychotherapie, es folgen Artikel über Aufstellungsarbeit in der psychodramatischen Beratung, den Abschluss bilden die erwähnten Gastbeiträge von psychodramanahen ExpertInnen.

Jakob Levy Moreno hat sich schon vor 100 Jahren mit der Kartographierung von Gemeinschaften und mit den von ihm sogenannten Verkehrswegen der sozialen Gefühle beschäftigt. Wie diese frühen Gedanken von ihm als Grundlage für gegenwärtige Aufstellungsansätze verstanden werden können und was das Besondere an der psychodramatischen Aufstellungsarbeit ist, beschreibt Roswitha Riepl mit ihrem einleitenden Grundlagenartikel „Psychodramatische Aufstellungsarbeit. Morenos geografische Kartographie von Gemeinschaften“. Riepl beschäftigt sich seit Jahren mit der Präzisierung der methodenspezifischen Aufstellungsarbeit und plädiert in diesem Beitrag für eine humanistische Prozessgestaltung.

Sonja Hintermeier eröffnet mit „Strukturbezogene Aufstellungsarbeit. Möglichkeiten und Grenzen der Aufstellungsarbeit bei Menschen mit strukturellen Störungen“ die Reihe der psychodramatisch-psychotherapeutischen Artikel in diesem Sonderband. Sie widmet sich in ihrem Beitrag den speziellen Anforderungen an das komplexe Arrangement Aufstellungsarbeit in der Arbeit mit PatientInnen mit strukturellen Störungen. Dazu gibt sie eine Übersicht welche Formen von Aufstellungsarbeit dabei im Einzel- oder Gruppensetting eingesetzt werden können.

Wie wichtig die Vorarbeit für einen vertrauensvollen Rahmen für Aufstellungsarbeit ist, beschreibt Gilbert Suchanek in „Aufstellungsarrangements in der psychodramatischen Paar- und Sexualtherapie“. Suchanek weist auf den sorgsamen Umgang mit Schamgrenzen und Intimitätsschwellen hin und zeigt mit den Fallbeispielen, wie hilfreich die strukturierende Qualität der Aufstellungsarbeit im Psychodrama ist, um komplexe Beziehungsstrukturen von Paaren mit sexuellen Problemen erlebbar zu machen.

Markus Bräuer beschäftigt sich in seinem Beitrag mit besonderen Anforderungen an die psychodramatische Aufstellungsarbeit. Er lässt uns in einen ganz speziellen Arbeitsraum blicken, wenn er als Psychodrama-Therapeut von seinen Erfahrungen und konzeptionellen Ideen zur Aufstellungsarbeit mit behinderten Menschen berichtet. In „Aufstellungsarbeit mit behinderten Menschen. Überlegungen zur Durchführung und Barrierefreiheit“ geht er auf verschiedene Formen von Behinderung ein und beschreibt sensible Feinheiten für barrierefreie Aufstellungsprozesse.

Einer weiteren spezifischen Zielgruppe hat Paul Cameron seinen Beitrag gewidmet: den Männern. „Psychodramatische Aufstellungsarbeit mit Männergruppen. Fallbeispiele aus der praktischen Arbeit mit Männergruppen“ beschreibt anschaulich, wie hilfreich für viele Männer die rasche Entwicklung vom statischen Aufstellungsbild hin zu tiefen emotionalen Erleben ist. Paul sieht den Vorteil von Aufstellungsarbeit in diesem Kontext v. a. darin, dass dieses Arrangement klare, kognitive Bilder und starke Gefühle in einem deutlich strukturierten Rahmen ermöglicht.

Wenn die Ressource der Gruppe fehlt, kann die Aufstellungsarbeit zum Beispiel mit Intermediärobjekten durchgeführt werden. In „Anwendungen von Intermediärobjekten bei Aufstellungen im psychotherapeutischen Monodrama“ können wir Markus Steidl bei Aufstellungsprozessen in seiner alltäglichen Praxisarbeit mit Erwachsenen im Einzelsetting begleiten. Der Psychodrama-Psychotherapeut hat sich in diesem Artikel auf Aufstellungen mit Handpuppen spezialisiert und stellt uns sein Konzept vom inneren Ensemble bei intrapersonellen Aufstellungen vor.

Den Abschluss der psychotherapeutischen Beiträge bilden drei Artikel, die bislang eine Seltenheit darstellen, da sie sich mit Überlegungen zu altersspezifischen und störungsspezifischen Modifikationen von Aufstellungsarbeit im Kinder- und Jugendalter beschäftigen. Monika Wicher leitet mit der berechtigten Frage „“Aufstellungsarbeit – Ein mögliches Arrangement für die Arbeit mit Kindern in der Psychotherapie?“ ein und legt anschaulich dar, warum die Kinder ihrer Fallbeispiele Aufstellungsarbeit nicht für die Sichtbarmachung von Beziehungsstrukturen nutzen können, diese aber in eine sinnvolle therapeutische Intervention abwandeln.

Welche Bedeutung die freie Materialwahl in der Aufstellungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen ab zwölf Jahren hat und welche Aufgaben die Aufstellungsleitung in der Begleitung der jungen PatientInnen hat, sind die Schwerpunkte des Artikels von Andrea Meents „Aufstellungsarbeit in der Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen. Ein Koffer voll Spielzeug: Therapeutische Haltung, Interventionen und Materialwahl im Kinderpsychodrama“.

Mit ihrem gemeinsamen Beitrag „Handlungstechniken des Psychodramas in der Aufstellungsarbeit transgenerationaler Themen für Psychotherapie und Beratung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen“ folgen Andrea Meents und Christian Stadler der Spur von sich wiederholenden familiären Mustern. Die dargestellten Beispiele verstehen sie als Vorarbeiten für eine klassische psychodramatische Aufstellungsarbeit, mit dem Ziel Jugendliche und junge Erwachsene zu unterstützen, die Bedeutung von transgenerationalen Themen auf ihr eigenes Leben zu verstehen.

Im zweiten Abschnitt dieses Sonderbandes betreten wir nun drei Bühnen der psychodramatischen Beratung in den Formaten Leitungssupervision, Teamsupervision und Einzelcoaching.

Eingeleitet wird dieser Bereich mit dem Beitrag der Psychodrama-Psychotherapeutin und Supervisorin Elisabeth Grissenberger. In „Organigramm – Soziogramm – Mensch. Psychodramatische Aufstellungsarbeit in der Supervision“ stellt sie das Format Supervision im Zusammenspiel mit dem Verfahren Psychodrama dar, und beleuchtet so den theoretischen Hintergrund für die methodenspezifische Organisationsaufstellung. Im Fallbeispiel begleitet sie zwei Firmeninhaber dabei, das Organigramm der Organisation im Aufstellungsraum in ein Soziogramm zu verwandeln und in die Wahrnehmungen der Strukturbedeutungen einzutauchen.

Doris Nowak-Schuh wendet sich in ihrem Artikel „Psychodramatische Aufstellungsarbeit bei Mobbing. Beratung von Teams, in denen Angst und Aggression Regie führt“ jenen Phänomenen zu, die entstehen, wenn in Teams die Achtsamkeit füreinander verloren geht und berufliche Störungsbilder, wie Mobbing entstehen. Dazu klärt sie die Begriffe von Mobbing und stellt uns ihre psychodramatische Sicht zur Störungsdynamik vor. In den Fallbeispielen fokussiert die Arbeitspsychologin das Sichtbarmachen der gemeinsamen Mobbing-Inszenierung mittels Aufstellungsarbeit und beschreibt die Grenzen der Anwendung.

Wie Lisa Tomaschek-Habrina im Einzelsetting mit Führungskräften arbeitet, die auf die Kluft zwischen Anforderungen im beruflichen Alltag und ihren menschlich persönlichen Bedürfnissen mit Erschöpfung reagieren, beschreibt sie in ihrem Beitrag „Das erschöpfte Selbst in der psychodramatischen Aufstellungsarbeit im Führungskräfte-Coaching“. Tomaschek-Habrina unterstützt im sicheren und entschleunigten Rahmen des Coachings mit physiodramatischen Körperaufstellungen oder dem soziokulturellen Leadership Atom am Etageren-Systembrett ihre KundInnen beim Erkenntnisprozess und Weg aus der eigenen Erschöpfung.

Fünf Gastbeiträge von ExpertInnen, die grundsätzlich mit anderen Verfahren arbeiten, wie zum Beispiel der Gestalt- oder Systemtheorie oder in der politischen Beratung oder Forschung tätig sind, runden diesen Sonderband ab und geben uns Einblick in unterschiedliche Arbeitswelten, die eines gemeinsam haben: Die AutorInnen setzen sich theoretisch forschend mit der psychodramatischen Aufstellungsarbeit auseinander und/oder setzen sie praktisch in ihrem Arbeitsalltag ein.

Christine Findeis-Dorn und Matthias Dorn gehen in „Die Suche nach dem ‚guten Ort‘ für alle. Psychodramatische Aufstellungsarbeit in Organisationen als Entwicklungsraum für Führungskräfte und Teams“ der Dynamik von Agilität und Mobilität in der Arbeitsweltnach. Diese fordert Organisationen und Menschen heraus innenzuhalten und sich über Orte, in denen Zusammenarbeit spürbar und erlebbar wird, zu verständigen. Im vorliegenden Artikel beschreiben Findeis-Dorn und Dorn in einigen Beispielen, wie das gelingen kann.

Ein weiteres besonderes Arbeitsfeld betreten wir, wenn wir Daniela Musiol und Thomas Geldmacher dabei begleiten, wie sie PolitikerInnen aus ihren Komfortzonen holen. In „‚Was, a Sessel!? Oje!‘ Psychodrama und Soziometrie in der (Einzel)Beratung von PolitikerInnen“ erfahren wir, wie sie die Rollentheorie Morenos und die psychodramatischen Aufstellungen bei der Umsetzung des von ihnen entwickelten Konzeptes der psychodramatischen Markenentwicklung in der politischen Beratung anwenden.

Wie sensibel und demokratisch die Prozessgestaltung der psychodramatischen Aufstellungsarbeit umgesetzt werden kann bringt uns der Beitrag von Surur Abdul-Hussain „Doing and Performing Gender and Diversity. Aufstellungsarbeit als Methode zur Bearbeitung von Gender- und Diversitätsthemen“ ganz besonders näher. Abdul-Hussain macht uns bewusst, dass in jeder Aufstellungsarbeit Gender- und Diversitätsaspekte wirksam werden und lädt uns mit praktischen Anregungen zu einer gender- und diversitätssensiblen Anleitung von Aufstellungen ein.

Denise St. John beleuchtet in ihrem Artikel bedeutsame Aspekte für die Weiterbildung zum/zur AufstellungsleiterIn. Dazu hat St. John mit einer empirischen Untersuchung für ihre Masterthese (2018) Interviews mit AnbieterInnen von Aufstellungslehrgängen ausgewertet. Für diesen Band hat sie einige Aussagen im Beitrag „Zur Didaktik der Aufstellungsarbeit. Überlegungen zum Aneignungs- und Vermittlungsprozess für eine professionelle Aufstellungsleitung mit einem Blick auf die psychodramatische Aufstellungsarbeit“ zusammengefasst.

Zum Abschluss dieses Sonderheftes dürfen wir Sie zu einer Begegnung mit Harald Katzmair einladen. Katzmair beschäftigt sich mit Netzwerkanalysen und Resilienzforschung und wendet sich in seinem Beitrag „Das Psychodrama des Adaptiven Zyklus. Morenos ‚Lokometrie‘ aus dem Gesichtspunkt der zeitgenössischen Komplexitätsforschung“ nochmals Morenos frühen Projekten zu und macht deren Stellenwert zur Beantwortung dringlicher gegenwärtiger Fragen deutlich. Inmitten seiner Diskussion zwischen Morenos Projekten und dem Konzept des adaptiven Zyklus skizziert Katzmair die psychodramatische Aufstellungsarbeit als eine Möglichkeit, um gesellschaftspolitische Phänomene nicht nur zu verstehen, sondern auch Ideen für die Gestaltung von Auswegen aus psychischen und sozialen Sackgassen zu finden.

Liebe LeserInnen, wir hoffen Ihnen mit diesem Sonderheft der Zeitschrift für Psychodrama und Soziometrie (ZPS) interessante Impulse, fundierte theoretische Ideen und praktische Anleitungen zum Thema psychodramatische Aufstellungsarbeit anbieten zu können. Wir bedanken uns herzlichst bei den AutorInnen und ReviewerInnen für die Bereitschaft an diesem Heft mitzuwirken.

Roswitha Riepl und Christian Stadler

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© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  1. 1.WienÖsterreich
  2. 2.DachauDeutschland

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